Dienstag, 10. Dezember 2013

Fachstellen und Sozialarbeiterinnen gegen Repression


Wer sind die Experten für Sexarbeit? Selbstverständlich die Sexarbeiter/innen selbst. Jedoch glaubt man ihnen oft nicht (Disqualifikation als Diskussionspartner), und aufgrund der Stigmatisierung getraut sich nur eine Minderheit, mit Name und Gesicht öffentlich für ihre Rechte einzustehen. Deshalb treten Fachstellen und Sozialarbeiter/innen für Sexarbeit, Migration & Menschenhandel als zweitbeste Informationsquelle hervor, um herauszufinden was Sexarbeiter/innen wirklich wollen und brauchen, und wie man Menschenhandel bekämpfen und den Opfern helfen kann. Die meisten Fachstellen fordern die Anerkennung von Sexarbeit als Arbeit, und das Ende von rechtlicher und gesellschaftlicher Diskriminierung und Stigmatisierung gegen Sexarbeiter/innen. Dazu muss man aber beachten, dass Beratungsstellen mit einem grossen Teil der Sexarbeiter/innen NICHT in Kontakt kommen- nämlich denjenigen, die selbstbestimmt und ohne Probleme tätig sind, und folglich keine Hilfe benötigen. Seriöse Sozialarbeiter/innen sind sich dessen bewusst, und schliessen nicht von ihrem Arbeitsalltag auf die gesamte Bandbreite der Sexarbeit. Linkliste für Beratungsstellen: 


Deutschland


Bundesweiter Koordinationskreis gegen Frauenhandel und Gewalt an Frauen im Migrationsprozess  Von der Homepage: Der KOK e.V. legt besonderen Wert darauf, dass sorgsam zwischen Prostitution und Frauenhandel unterschieden wird. Frauen, die sich freiwillig prostituieren, treten wir mit Respekt und Achtung entgegen, wir stigmatisieren sie nicht und wollen, dass die freiwillige Prostitution als persönliche Entscheidung einer jeden Prostituierten anerkannt wird. Prostituierten per sé das Recht abzusprechen, freiwillig zu arbeiten, missachtet ihre Selbstbestimmung und eigene Verantwortung.

BufasBündnis der Fachberatungsstellen für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter, Aus der Satzung: Bufas setzt sich ein für
- die dauerhafte Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen von Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern
- die rechtliche und soziale Gleichstellung von Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern mit anderen Erwerbstätigen
- die Gleichstellung der Sexarbeit mit anderen Erwerbstätigkeiten
- die Entkriminalisierung der Sexarbeit und Entstigmatisierung der Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter

Ban Ying, Koordinations- und Beratungsstelle gegen Menschenhandel, hat den Appell für Prostitution: für die Stärkung der Rechte und für die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen von Menschen in der Sexarbeit  des Berufsverbandes für erotische und sexuelle Dienstleistungen unterschrieben.

Deutsche Aidshilfe "Die Deutsche AIDS-Hilfe (DAH) lehnt den von der „Emma“-Herausgeberin initiierten „Appell gegen Prostitution“ und Rufe nach Bestrafung der Kunden und Kundinnen ab."

Interview mit Emiljia Mitrovic, Sozialwissenschaftlerin und Leiterin des Ratschlag Prostitution - Zusammenschluss von Hilfseinrichtungen für Prostituierte: "Die rechtliche Ebene ist nicht das Problem, sondern die gesellschaftliche Akzeptanz. Es muss mehr Forschung und mehr Öffentlichkeitsarbeit geben. Wenn Frauen selbstbewusster auftreten und sich weniger stigmatisiert fühlen, können sie sich auch besser gegen Ausbeutungsverhältnisse wehren. Die Tendenz, alle SexarbeiterInnen zu Opfern zu erklären, ist hingegen absolut kontraproduktiv"

Dortmunder Mitternachtsmission e.V.,  hat den Appell für Prostitution unterschrieben. Die Mitternachtsmission sieht Prostitution zwar als schädlich an, erkennt aber, dass ein Grossteil dieser Schädlichkeit durch die Stigmatisierung von Sexarbeiter/innen und Sexarbeit entsteht.

Ragazza, Hilfe für drogenabhängige und sich prostituierende Frauen, fordert: Aufklärung und Prävention statt Repression, Keine Verdrängung der Prostitution in andere Stadtteile, Akzeptanz und Toleranz statt Verdrängungspolitik, Freie Berufswahl.

Madonna  e.V., Treffpunkt und Beratung für Sexarbeiterinnen: Sexarbeit ist eine höchstpersönliche Dienstleistung, über deren Inhalt und Ausmaß nur die Prostituierten selbst entscheiden. Sexarbeit kann selbständig und in einem Arbeitsverhältnis ausgeübt werden. Voraussetzung sind einvernehmliche Verträge zwischen den Beteiligten und die Einhaltung gesetzlicher Mindestvorgaben.

Regenschirm e.V.: Unseren Zielen übergeordnet ist der Gedanke, dass die Prostitution mit anderen Berufen der Arbeitswelt gleichgestellt sein sollte.
 
Phoenix, Kassandra e.V., Nachtfalke und KOBER, Beratungsstellen für Prostituierte, : Haben den Appell für Prostitution unterschrieben. Dasselbe gilt für zahlreiche Sozialarbeiterinnen der Beratungsstelle für Migrantinnen in Herne, welche auf Menschenhandel spezialisiert ist.

Nitribritt, Treffpunkt und Beratung für Prostituierte: Der Verein setzt sich in der Tradition der Hurenbewegung für die Interessen der SexarbeiterInnen ein. Nitribitt e.V. unterstützt, fördert und veranstaltet Aktivitäten gegen die Diskriminierung von Prostituierten.

Relativ bekannt sind  Dona Carmen , Verein für soziale und politische Rechte von Prostituierten und Hydra, Treffpunkt und Beratung für Prostituierte.

Schweiz


Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ), Rundbriefe Sexarbeit ist Arbeit und Sexarbeit: Anerkennung statt Repression:Die Repressionen verschlechtern nicht nur die Situation von Sexarbeiterinnen. Sie haben auch negative Folgen für den Kampf gegen Menschenhandel. Mit den repressiven Regelungen fokussiert nämlich der polizeiliche Blick nicht mehr auf eine potenzielle Opfersituation, sondern auf illegalen Aufenthalt oder illegale Arbeitstätigkeit. Bevor Opfer erkannt werden und ihre Rechte in Anspruch nehmen können, werden sie somit kriminalisiert und ausgeschafft."

ProKoRe, schweizerisches Netzwerk zur Verteidigung der Rechte von Personen, welche im Sexgewerbe arbeiten: "Das Sexgewerbe eine Realität ist, welche nicht abgeschafft werden kann, weder durch Gesetze noch Reglemente. Verschärfte Gesetze würden die Illegalität und Randständigkeit verstärken. Durch verschärfte Gesetze würden die Zonen des Rechtlosen, der Ausbeutung und der Gewalt in verschiedenster Art begünstigt. Die Situation der SexarbeiterInnen würde unsicherer und die Bemühungen um die Förderung der Gesundheit und der Solidarität schwieriger."

Hier eine Talkshow mit Brigitte Obrist (ehemaligen Sexarbeiterin und Projektleiterin bei der Schweizer Aidshilfe und der Sexarbeits- Beratungsstelle XENIA), Lea Bösiger (Sozialarbeiterin bei Isla Victoria, Beratungsstelle für Sexarbeits- Migrantinnen der Zürcher Stadtmission)


Ausschnitte aus der Diskussion (sinngemässe Zitate):

Brigitte Obrist ab 22:50 "Ihr beobachtet von Aussen etwas, das ihr nie selbst gemacht habt, und projiziert etwas hinein. Das Vorspielen der eigenen Lust hat mir Spass gemacht, als wäre ich eine Schauspielerin auf der Bühne. Der wichtigste Schutz für Sexarbeiterinnen ist ein Umfeld, in denen andere Frauen ihnen beibringen können, wie sie sich wehren sollen, wo man aufeinander achtet. Das war früher als Förderung der Prostitution verboten (...) Durch die Prostitution habe ich sehr genau gelernt was ich beim Sex will, wo meine Grenzen sind."

Lea Bösiger ab 31:10 "Wir sind eine Beratungsstelle, die sich vor allem an Migranten richtet. Die meisten Frauen haben natürlich monetäre Gründe. Es kursieren wahnsinnige Zahlen, dass 90% diesen Beruf nicht gerne machen. Wir machen diese Erfahrung nicht. In unserem Büro kommen täglich etwa 120 Frauen vorbei. Es gibt Zeiten in denen die Frauen den Job nicht gerne machen, zum Beispiel während der Wechseljahre oder wenn sie den Job schon 30 Jahre gemacht haben. Aber mal ehrlich, ich kenne fast keinen Beruf, den die meisten nach 40 Jahren immer noch mit Begeisterung ausüben. Im Allgemeinen machen die Frauen den Beruf gerne. Wir haben auf 1000 Frauen etwa 10 Frauen, die den Job nicht freiwillig machen. Wir sind eine Anlaufstelle für Sexarbeiterinnen, d.h. diejenigen kommen zu uns die Probleme haben. Wenn jemand keine Probleme hat, kommt sie natürlich nicht zu uns."

Alexander Ott (Polizist) 34:40 "Ich sehe die ganze Palette der Sexarbeiterinnen, die sich anmelden. Dieses Jahr habe ich etwa 800 Anmeldungsgespräche geführt. Es gibt viele Frauen, die freiwillig kommen und Geld verdienen wollen, die sagen das will ich machen. Manchmal sind es sogar Akademikerinnen die sich sagen, ich komme ein paar Monate in die Schweiz und verdiene Geld. Das ist eine Realität, das kann man nicht wegdiskutieren."

Noch eine zweite Talkshow mit Martha Wigger, Stellenleiterin von XENIA, Anlaufs- und Beratungsstelle für Sexarbeiterinnen. "Ein Verbot der Prostitution ist für Sexarbeiterinnen und Gesellschaft kontraproduktiv. Wir haben tausende von Klientinnen, und die meisten von ihnen sind wirklich wütend. Sie fragen: Weshalb will man schon wieder auf uns los? Oberflächlich kann gesagt werden, dass die Prostituierten nicht bestraft werden. Aber sie verlieren ihren Job, verlieren ihr Einkommen wenn Freier bestraft werden (...) Wir haben keine genauen Zahlen. Aber in der Schweiz gibt es doch viele Beratungsstellen, die tagtäglich mit Sexarbeiterinnen zu tun haben. Unsere Erfahrung ist: Je mehr Hürden man den Sexarbeiterinnen aufstellt (Business-Plan, Registrierung etc), umso schwerer wird es, sie zu erreichen, da viele illegal arbeiten werden. Ganz wichtig ist auch zu erwähnen, dass unserer Erfahrung nach Kunden sich immer wieder an Beratungsstellen wenden, wenn sie einen Verdacht auf Menschenhandel haben."

Selbst die Heilsarmee, welche Sexarbeit als "Vermarktung und Ausbeutung der Frau" ansieht, spricht sich gegen Repression aus. Zur Situation in Zürich: "Viele der Dirnen seien verzweifelt, sagt Christine Hauri von der Rahab-Arbeit der Heilsarmee. „Die Frauen wissen im Moment nicht, wo sie hinsollen“, sagt sie. Und hat eine Lösung parat. „Warum wird nicht ein Strassenstrich im Kreis 4 zugelassen? Lange nicht alle Vertriebenen haben eine neue Bleibe gefunden.“ Regula Rother, Leiterin der Zürcher Stadtmission, sieht die Sache ähnlich: „Gut finden wir die Entwicklung nicht.“ Auch sie hält einen Strassenstrich im Kreis 4 für eine gute Idee. Das Problem aus Sicht von Hauri und Rother: Wenn die Frauen nicht mehr zentral organisiert sind, wird es für sie schwieriger, aufeinander aufzupassen. Sie seien anfälliger für Gewalt und Ausbeutung. Hauri.“

Maritza Le Breton und Eva Büschi, Professorinnen an der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW in Olten in der Tageswoche vom 20.2.2012: Bessere Arbeitsbedingungen, so das Fazit der beiden Professorinnen nach ihrer Studie, liessen sich nur durch rechtliche und gesellschaftliche Anerkennung der Prostitution erreichen. «Aus einer nüchternen und sachlichen Perspektive heraus ist es schliesslich eine Arbeit wie jede andere», sagt Le Breton, «eine Dienstleistung mit dem Produkt Sex als Angebot».

Aspasie, Gemeinnütziger Verein von und für Prostituierte in Genf: "Parler de travail du sexe permet de repenser cette activité sous l’angle du contrat, d’amélioration des conditions de travail, et de la capacité des travailleuses du sexe à négocier les différents aspects de leurs services (actes, tarifs et durée). Parler de travail du sexe autorise à poser des actions en regard des droits des travailleuses: le droit de travailler en santé et en sécurité, le droit de ne pas être violentée, harcelée ou discriminée, le droit de s’associer avec d’autres pour se protéger, le droit à la dignité et à l’intégrité de sa personne."

Österreich


Sophie, Bildungsraum für Prostituierte: "Ausgehend davon, dass der Sexmarkt kaum eingeschränkt und schon gar nicht vermieden werden kann, ist es daher der beste Weg, genügend legale Arbeitsmöglichkeiten zuzulassen und diese so zu regulieren, dass neben anderen berechtigten Interessen (z. B. der AnrainerIn-nen) insbesondere auch Arbeitsbedingungen von SexdienstleisterInnen im Fokus stehen."

Interventionsstelle für Betroffene von Menschenhandel (LEFÖ/IBF): "Wir sprechen von Sexarbeit, um einen akzeptierenden und unterstützenden Zugang gegenüber sexuellen DienstleisterInnen (mehrheitlich Frauen, aber auch TransGender-Personen und Männer) begrifflich zu transportieren.
Wir sprechen auch von Sexarbeit, um den Fokus auf die Arbeit zu richten, die erbracht wird und auf entsprechende Forderungen nach umfassenden Arbeits- und Sozialrechten für SexarbeiterInnen. Wir sprechen zudem von Sexarbeit, um die Heterogenität der Arbeitsstätten und Arbeitsweisen in der Sex-Industrie zu verdeutlichen."

Caritas/LENA:  „Wichtig ist uns auch die öffentliche, sachliche Information und Diskussion zum Thema, anstelle weiterer Diskriminierung, Stigmatisierung, Kriminalisierung, Skandalisierung und Ausgrenzung von Sexualdienstleistern“

Maiz, autonomes Zentrum von & für Migrantinnen:  "Ein zentraler Arbeitsbereich von maiz ist die Zusammenarbeit mit Migrant_innen, die in der Sexarbeit tätig sind. maiz setzt sich für die Anerkennung von Sexarbeit als Erwerbsarbeit ein und kämpft somit gegen die Stigmatisierung, Diskriminierung und Kriminalisierung von Personen, die sexuelle Dienstleistungen anbieten."

Frauenservice SXA:  Mitglied der internationalen Netzwerke NSWP und ICRSE (International Committee on the Rights of Sex Workers in Europe), welche sich gegen rechtliche/gesellschaftliche Diskriminierung von Sexarbeiterinnen einsetzen.

iBUS, Beratung und Unterstützung für Sexarbeiterinnen, lehnen die Kriminalisierung von Kunden und andere Forderungen von Prostitutionsgegnern vehement ab, da dies nichts anderes bedeutet, als Sexarbeiter_innen ihre Existenzgrundlage zu entziehen. Hier ein gutes Interview von Christine Nagl,  Mitarbeiterin bei PiA und iBUS.

International


Tampep, European Network for HIV/STI Prevention and Health Promotion among Migrant Sex Workers:"The undeniable presence of migrant female sex workers, including transgender sexworkers, in Western Europe requires a transformation in the thinking around women’s migration. Migrant sex workers should be considered as part of the labour migration of women rather than thinking of all migrant sex workers as victims of trafficking and sexual slavery."

UNAIDS "Evidence indicates that where sex workers are able to negotiate safer sex, HIV risk and vulnerability can be sharply reduced. The guidelines call for voluntary periodic screening and treatment of STIs for sex workers to both improve their health and control the spread of HIV and STIs"

Indoors Project der Europäischen Union, Aus pictures of a reality: Sex work is work and a profession; sex workers are workers and must be recognised as such.
We demand the protection of our labour, social and human rights on an equal footing with other workers, especially social rights such as access to social security, health care and minimum wages. Sex work is by definition consensual sex. Non-consensual sex is not sex work; it is sexual violence or slavery.

Global Network of Sex Work Projects hat auf allen Kontinenten zahlreiche Mitglieder. Zu den Mitgliedern gehören viele Grassroots-Beratungsstellen, welche von Sexarbeiter/innen selbst gegründet worden sind, z.B Desiree Alliance aus Australien,  Aus der Homepage: "The standard paradigms through which sex work is currently viewed – AIDS, trafficking, and violence against women – fail to fully address the human rights of sex workers. It is therefore crucial that sex workers represent their own realities and fully participate in dialogues and decision making about issues that affect them."

Global alliance against traffick in women (GAATW): "GAATW applies a Human Rights Based Approach to address trafficking issues, which means: (...) Non-discrimination on any grounds, including – singly or in combination - race, ethnicity, descent, sexual orientation or gender identity, religion, gender, age, migrant status, national or social origin,  birth or other status, or occupation (including work in the informal sectors such as domestic work, sex work, etc.)" Hier findet man ausserdem zahlreiche Ressourcen zur Forschung über Menschenhandel und Best Practices für Massnahmen gegen Menschenhandel.

La Strada International- European network against trafficking in human beings:  "We believe that violence against sex workers needs to be addressed by protecting their rights and investigating and prosecuting all violent offences against anyone working in the sex sector. However, this approach to end violence against sex workers is hard to put into practise if sex work itself is considered as violence against women (!!!) Equating sex work with violence against women leads to criminalising the industry, clients and sometimes even sex workers themselves. As a consequence, sex workers are not recognised as rights holders and are deprived of the tools to protect themselves from violence and seek redress."

World Health Organization WHO:  Contextual factors such as stigma and poverty may further exacerbate sex workers' vulnerability to HIV. Sex workers should be proactively involved in programme design and delivery.


Weitere Links folgen- ich nehme auch gerne Vorschläge entgegen. 

Montag, 9. Dezember 2013

Disqualifikation von Sexarbeiterinnen

Es ist klar, welche Strategie Alice Schwarzer und andere Prostitutionsgegner fahren: Disqualifikation von Sexarbeiterinnen als Subjekte auf gleicher Augenhöhe. Hier ein Artikel der Soziologin Laura Augustin dazu.

Schwarzer besteht darauf, dass alle Sexarbeiterinnen entweder Opfer von Menschenhandel sind, oder in der Kindheit Erfahrungen mit sexueller Gewalt gemacht haben. Was für eine Nachricht an alle Opfer sexueller Gewalt: HAHA, ihr seid nicht mehr richtig im Kopf und dürft deshalb nicht mehr mitdiskutieren, nichtmal über euer eigenes Leben (ausser natürlich, ihr habt die gleiche Meinung wie ich- dann seid ihr Vorzeigeopfer und habt was wichtiges zu sagen). Und wenn dann eine Sexarbeiterin durch ihr Selbstbewusstsein so überzeugt, dass sie nicht mehr als bemitleidenswertes Opfer gelten kann, wird sie zur Täterin gemacht. Eine Menschenhändlerin und Ausbeuterin, die vom Leid der angeblich grossen Massen von Zwangsprostituierten profitiert.

Keine Sexarbeiterin will, dass ihren Eltern unterstellt wird, sie hätten sie als Kind missbraucht oder dies geschehen lassen. Wenn man tatsächlich missbraucht worden ist, möchte man das nicht unter die Nase gerieben bekommen. Und keine will als psychisch krank und unmündig gelten, vor allem wenn sie ein soziales Umfeld, Kinder und einen anderen Job haben. Und so werden weiterhin diese Vorurteile verbreitet, damit sich auch ja möglichst wenige Sexarbeiterinnen getrauen, öffentlich für sich selbst einzustehen. Bei Sexarbeit wirken diese Vorurteile im Vergleich zu anderen sexuellen Minderheiten wie Homosexuellen besonders gut. Homo- und Bisexuelle haben oftmals ihr Leben lang ihre sexuelle Orientierung. Sie sind daran gebunden und können nicht einfach "aussteigen". Daher lohnt es für sie, zu kämpfen. Für viele Sexarbeiterinnen ist Sexarbeit aber nur ein Job. Etwas, das sie ein paar Jahre machen um ihre Familie zu ernähren und Schulden abzubezahlen, oder aus Abenteuerlust- um danach auszusteigen. Später weiss niemand, dass sie jemals Sexarbeiterinnen waren. Für diese Frauen bedeutet ein Outing, dass sie ihre bürgerliche Zukunft zerstören. Der Schaden eines Outings und Richtigstellung der Vorurteile ist für eine einzelne (ehemalige) Sexarbeiterin gross, der Nutzen klein. Schwarzer und Co. unternehmen alles, damit dies auch so bleibt. Und diejenigen Sexarbeiterinnen, die sich wehren, werden als Opfer oder Täterinnen disqualifiziert.

Mittwoch, 27. November 2013

Was Männer beim Sex falsch machen

Da ich inzwischen doch einige Erfahrung in Sex mit Männern habe, muss ich mal etwas los werden: Ca. 90% der Männer sind viel zu grob, wenn sie die Klitoris und den Rest der Vulva ohne Anleitung mit den Händen oder der Zunge stimulieren. So, dass es unangenehm ist oder sogar weh tut. Mir ist natürlich klar, dass dies von Frau zu Frau unterschiedlich empfunden wird, aber nach Gesprächen mit Kolleginnen und etwas recherchieren weiss ich, dass es kein seltenes Problem ist. Für viele Frauen ist die direkte Stimulierung der Klitoris zu intensiv. Also: Im Zweifelsfall lieber zu vorsichtig als zu fest berühren. Im ersten Fall bekommt die Sexpartnerin vielleicht keinen Orgasmus, im zweiten Fall  keinen Orgasmus, aber dafür Schmerzen.

Hier gibt es gute Tips zum Thema: http://www.clitoralstimulationmethod.com/.  Das sollte in jeder Schule Pflichtstoff sein.

Sonntag, 17. November 2013

Nochmals: Objektifizierung

Because some men disrespect women they find sexually attractive (madonna-whore-dichotomy), showing women in a sexualized/sexual context or fantasizing about them sexually is seen as demeaning. The actual problem (if one sees it as a problem, as I do) is not with the sexual depiction, but with the people who reduce that woman to the sexual context in a “you’re only good for that”- way. This is different from being interested in a person in a purely sexual way. The latter can be done while respecting the whole humanness of the other person- one’s just indifferent to the other aspects, just as one can be indifferent to the sexuality and personal life of someone one considers a great scientist. The first, on the other hand, explicitely devalues the person as a whole. Many people, also feminists, confuse the devaluing with the sexual context. While those two are sadly often found together in our society, they are very different things. Criticizing the latter instead of the first perpetuates the devaluation of women as sexual beings and women in sexual contexts.

(Mein Kommentar zu diesem Post auf Ars Libertatis)

Dienstag, 12. November 2013

Sexarbeit mit Ausbildungspflicht?

Manchmal wird der Vorschlag eingebracht, man solle eine Ausbildungspflicht für Sexarbeiter/innen einführen. Dann würde Sexarbeit endlich als Beruf anerkannt, und Ausbeutung könnte eingedämmt werden.

Ich bin natürlich für Weiterbildungsangebote, denn um langfristig erfolgreich Sexarbeiterin zu sein, braucht es zahlreiche Kompetenzen. Das Problem bei einer Ausbildungspflicht ist aber, dass Sexarbeit nunmal im informellen Sektor ist und oftmals eine Survival-Strategie darstellt, und nicht ein Traumberuf. Manchmal ist Sexarbeit nur schwer von privatem Sexualverhalten unterscheidbar. Es gibt unzählige Gelegenheitssexworker und sogar Personen die transaktionellen Sex praktizieren, aber sich nie und nimmer als Sexarbeiter sehen würden. Meiner Einschätzung nach arbeiten viele nur ein paar Jahre oder gar Monate, wenn sie gerade Geld brauchen und dies die beste Option erscheint. In dieser Hinsicht ist es sehr vergleichbar mit Kellnern. Auch dort gibt es gleichzeitig hochqualifizierte Profis und temporär arbeitende Aushilfen. Ausserdem wird in den meisten Ausbildungsberufen die Ausbildungspflicht nicht vom Staat vorgeschrieben. Man darf Massagen gegen Bezahlung anbieten, ohne eine Massageausbildung zu haben- nur darf man dann nicht behaupten, ein Diplom zu besitzen.

Zertifizierungspflichten dienen normalerweise dem Konsumentenschutz, und nicht dem Schutz der Anbieter. Daher nimmt man in Kauf, die Anbieter bei Verstössen zu bestrafen. Wenn aber Ausbeutung eingedämmt werden soll, schafft eine Ausbildungspflicht nur neue Opfer. Was ist mit allen Frauen, die nur für ein paar Monate hier arbeiten und kaum Deutsch können? Soll man die kriminalisieren und somit noch verletzlicher machen? Opfer von Ausbeutung und Gewalt, welche gleichzeitig aber auf ihr Einkommen aus der Sexarbeit angewiesen sind, befinden sich dann in derselben Lage wie illegal anwesende Migrantinnen- sie können sich erst recht keine Hilfe holen, weil sie Sanktionen befürchten müssen. Man schafft neue Erpressbarkeit für Personen, für welche Sexarbeit kurzfristig die beste Option darstellt und welche folglich nicht auf ein Diplom warten können/wollen, evtl. gar nicht die Ressourcen für eine Ausbildung haben. Man schafft neue Gesetze, mit welchen Polizisten Sexarbeiterinnen verfolgen können, wodurch das Misstrauen gegenüber der Polizei steigt bzw. sich nicht verbessert.

Diejenigen, welche die Ausbildung durchführen würden, wären voraussichtlich einheimische Frauen, welche ohnehin schon eine Ausbildung haben, Sexarbeit als langfristige Karriere aus Leidenschaft ansehen und es sich leisten können, trotz Stigmatisierung offen zu ihrem Beruf zu stehen. So lange “Hure” als die schlimmste Beleidigung für Frauen gilt, werden das eher wenige sein. Sexarbeit kann immer noch ein Karrierekiller sein, und zwar unabhängig davon ob man auf einem anderen Beruf hohe Qualifikationen aufweist. Dies dürfte eine Ausbildungspflicht weiter erschweren.

Sonntag, 3. November 2013

Appell für Sexarbeit

Für die Diskussion über den Appell für bzw. gegen Prostitution verweise ich auf Menschenhandel Heute, wo eineige Reaktionen darauf zusammengetragen sind.

http://menschenhandelheute.net/2013/11/03/in-der-presse-appell-fur-und-gegen-prostitution/



Besonders hervorhebenswert sind diese Stellen:

"Die Forderungen des deutschen Koordinierungskreises gegen Frauenhandel, der so ziemlich alle Beratungsstellen für Prostituierte und betroffene von menschenhandel als Mitglied hat, bleiben indes in der Presse unsichtbar. Ein schockierender und unsinniger Appell von Emma hat es geschafft, die sinnvollen Forderungen vom KOK gegen Menschenhandel unsichtbar zu machen."

Unter dem sehr pointierten Titel "Halt die Klappe, Hure" kritisiert Theodora Becker (so wie ich verstanden habe eine Sexarbeiterin) den unsäglichen Appell von Schwarzer.

"Um dem Ganzen noch mehr Wumms zu geben, sammelt man Unterschriften von ein paar mehr oder weniger Prominenten ein, die vom infragestehenden Thema zwar keine Ahnung haben, aber natürlich völlig unabhängig davon furchtbar entsetzt darüber sind, dass es so etwas heute noch gibt. Und schon hat man die nötige sogenannte Medienaufmerksamkeit, die man heutzutage braucht, wenn man wenigstens den Anschein erwecken will, als würde man sich um die Zustände in der Welt ernsthaft Sorgen machen. Worüber man sich freilich keine Sorgen macht, ist, was die von den aufgestellten Forderungen Betroffenen davon halten.

Das sind in diesem Fall die Prostituierten, die mit ihrem Beruf – sei es weil sie ihn gewählt haben, sei es weil er ihnen von den Umständen aufgenötigt wurde – ihren Lebensunterhalt verdienen. Wie bitte, die sind gar nicht begeistert von der Idee, dass das »System«, das ihnen ihr Brot verschafft, »geächtet« werden soll? Die verfassen gar einen eigenen Aufruf, in dem sie die – nicht gerade von Frau Schwarzer erfundene – Ächtung ihres Berufes beklagen und rechtliche Gleichstellung einfordern? Früher, als die Huren noch ihre Klappe gehalten haben, weil ihnen ohnehin niemand zugehört hätte, war das soziale Engagement doch bedeutend einfacher."

Samstag, 19. Oktober 2013

Repression in Zürich












Die Langstrasse im Kreis 4 von Zürich ist schon seit jeher ein Rotlicht- und Partyviertel- wohl schon länger, als ich auf der Welt bin. Ich selbst gehe auch ab und zu dort feiern. Wie es sich für ein Ausgeh-Viertel gehört, ist oft bis spät in der Nacht viel los. Und nun geht die Stadt gegen die dort ansässigen Salons und Sexworker- Wohnungen vor, weil die Bau- und Zonenverordnung (eigentlich schon seit 12 Jahren) die sexgewerbliche Nutzung von Wohnungen verbietet, wenn der Wohnanteil über 50% beträgt. Die Räumungen werden nach Aussagen einer ehemaligen Sozialarbeiterin und derzeitigen Bardame Auswirkungen auf das ganze Quartier haben. Coiffeursalons oder Kleiderläden, in denen viele Prostituierte einkauften, müssten schliessen. Kontaktbars ebenso. Ich stimme hier dem Kommentator auf dem Tages-Anzeiger zu:

"Und in spätestens zehn Jahren, wird es an der Langstrasse so öde sein, wie es im Dörfli bereits der Fall ist. Hauptsache die Touris schreiben im Trypadvisor anständige Kommentare über Zürich. Der Puritanismus hält Einzug in der Stadt. Diese angeblichen Aufwertungen sind doch nichts anderes, als die Zerstörung eines Charakters, der sich während vieler Jahrzehnte gebildet hatte."

Auch die Sozialarbeiter/innen der Heilsarmee, Stadtmission Zürich und Fachstelle FIZ sind alles andere als begeistert:

"Für Prostituierte wird es in Zürich immer gefährlicher – das sagen mehrere Sozialarbeiterinnen, die mit den Frauen zusammenarbeiten. Der Grund: Seit der neuen Prostitutionsgewerbe-Verordnung sind die Anforderungen gestiegen, um einen Salon zu eröffnen, in dem Liebesdienste angeboten werden. Verschärft wird die Situation dadurch, dass in mehreren Häusern im Quartier nicht mehr angeschafft werden darf. Darum müssen sich die Prostituierten neue Arbeitsorte suchen. Viele der Dirnen seien verzweifelt, sagt Christine Hauri von der Rahab-Arbeit der Heilsarmee. «Die Frauen wissen im Moment nicht, wo sie hinsollen», sagt sie. Und hat eine Lösung parat. «Warum wird nicht ein Strassenstrich im Kreis 4 zugelassen? Lange nicht alle Vertriebenen haben eine neue Bleibe gefunden.» Regula Rother, Leiterin der Zürcher Stadtmission, sieht die Sache ähnlich: «Gut finden wir die Entwicklung nicht.» Auch sie hält einen Strassenstrich im Kreis 4 für eine gute Idee."

Generell gebe es durch die neuen Regeln neue Probleme. «Die Auflagen werden immer höher», sagt Hauri. «Die Polizeipräsenz und die Bussen nehmen ständig zu und es gibt immer weniger Salons und Zimmer.» Dirnen habe es deswegen aber nicht weniger.
Glaubt man Rother und Hauri, hat die Stadt über das Ziel hinaus geschossen. «Wenn man darauf hinwirken will, dass die Strassenprostitution verschwindet», fragt Rother, «macht es dann Sinn, die Salonprostitution gleichzeitig einzugrenzen?» "

Die Regeln, welche zur Schliessung der Salons und Zimmer führen, sind vor allem baurechtliche Auflagen, und nicht solche welche effektiv die Arbeitssituation verbessern sollen. Rolf Vieli, der im Auftrag der Stadt an der "Aufwertung" (= steril, teuer und langweilig machen) des Viertels arbeitet, sagt man müsse auch die Interessen der Familien mit Kindern bedenken. Da frage ich mich, wieso eine Familie in ein Ausgeh- Viertel zieht. Denn am meisten Lärm und Probleme machen sicher nicht die Sexarbeiterinnen, sondern die johlenden Partygängerinnen und Partygänger. Sollen etwa alle alteingesessenen Restaurants, Bars und Clubs für die "Aufwertung" auch geschlossen werden? Wohnraum in Zürich ist knapp, aber für eine Familie mit jungen Kindern gibt es im Umkreis von Zürich zahlreiche günstigere, familienfreundlichere Alternativen.

Nachtrag vom 23.10

Artikel in der NZZ und 20Minuten, welche das Problem bestätigen: Anstatt legale, diskret und reibungslos laufende Indoor-Arbeitsplätze als Ausgleich zur Schliessung des Strassenstrichs zu fördern, werden sie durch schwierige Bewilligungsverfahren und Baurecht eingeschränkt. Bis Ende Jahr läuft die Bewilligungsfrist ab, aber kein einziges Bordell hat eine Bewilligung erhalten. Ich bin für ein einfaches Bewilligungsverfahren mit Überprüfung, welche sicherstellt, dass Sexarbeiterinnen selbstbestimmt, in Sicherheit und ohne Abzocke durch Betriebsinterne "Bussen" und ähnliches arbeiten können. Das Problem ist, dass die (v.a. baurechtlichen) Auflagen oft so unrealistisch gestaltet sind, dass nur Grossbordelle sie erfüllen können. Kleine Bordelle werden dagegen verdrängt. Die selbständige Zusammenarbeit mehrerer Sexarbeiterinnen, ohne aussenstehende Profiteure, wird verunmöglicht. Die Auflagen werden also so streng gestaltet, dass es einem Verbot gleichkommt- und die Sexarbeit wieder in die Illegalität gedrängt.

Samstag, 12. Oktober 2013

Norwegen

















In Norwegen herrscht wie in Schweden das Modell der Kundenbestrafung. Es gibt aus verschiedenen politischen Lagern jedoch Kritik am Gesetz, da Klagen von Sexarbeiter/innen und Hilfsorganisationen bezüglich gestiegener Gewalt und Diskriminierung ernst genommen werden und nicht einfach als Kollateralschaden im Kampf gegen Sexarbeit(erinnen) akzeptiert werden. Deshalb hat das Justizministerium eine Evaluierung der geltenden Rechtslage beschlossen:
http://www.aftenposten.no/meninger/debatt/Ma-evalueres---grundig-7319711.html (Artikel auf Norwegisch, mit Google Translate verständlich) Die neue Regierung steht der Kriminalisierung eher kritisch gegenüber: http://www.bt.no/meninger/Verdien-av-sexkjopslova-2967296.html

"The law has not had the impact supporters said it should have. Our starting point has always been what's best for women and boys who prostitute themselves (Anm.: Würden es doch alle so sehen...). We were afraid that a ban would make the prostitute more dependent on facilitators and more prone to violence. It has unfortunately come true, says deputy and leader of the Conservative Party's program committee, Bent Høie."

There are many indications that the situation of girls and women has become worse as a result of the law, and when politicians must be adult enough to admit that the law has been counterproductive. It is not unnatural if this is an issue that will be reversed if there is a new government after the elections, said deputy Per Arne Olsen told VG.
http://translate.google.com/translate?sl=no&tl=en&hl=en&u=http%3A%2F%2Fwww.vg.no%2Fnyheter%2Finnenriks%2Fsexmarkedet%2Fartikkel.php%3Fartid%3D10072003

Die Rechtslage in Norwegen schadet Massnahmen, welche der Sicherheit von Sexworkern dienen sollen. Eine Beratungs- und Hilfsstelle  wollte ein Cover-System einführen, bei welchem Sexarbeiter/innen die Daten von Kunden vor dem Treffen jeweils in einer Datenbank speichern können. So wüsste stets jemand, wo sie sind- und im Falle einer Gewalttat wäre der Täter klar. Bei Gewalt gegen Sexarbeiter/innen gilt oft: Gelegenheit macht den Vergewaltiger. Gewalttäter denken, sie seien anonym und würden sowieso nicht gefasst werden. Ausserdem vertrauen sie auf die Stigmatisierung und Diskriminierung von Sexworkern, welche sie von einer Anzeigeerstattung abhalten kann (zb. in Schweden, weil man nicht als Sexarbeiterin bei der Polizei bekannt werden möchte). Deshalb ist es in einigen Bereichen der Sexarbeit (zb. Escort) üblich, dass man eine Cover-Person hat- jemand der weiss, wo man ist und folglich oft auch mit wem. Dies reduziert das Gewaltrisiko bereits erheblich- denn die wenigsten potenziellen Gewalttäter sind "Psychos", die nichts zu verlieren haben. Aber nicht jede/r hat eine vertraute Person, welche diese Rolle übernehmen könnte. Und in Norwegen sind Agenturen als "Zuhälterei" verboten. Die Organisation Prosentret wollte hier Abhilfe schaffen. Dies scheiterte jedoch daran, dass der Kauf sexueller Dienstleistungen verboten ist. Wenn ein Register von Kunden existiert, wären diese per se Straftäter- unabhängig davon, ob sie normale Kunden oder Gewalttäter sind. Die Polizei könnte das Register herausverlangen und alle bestrafen. Die Datenschutzbehörde sah dies als unzulässig an, weshalb das Register nicht eingeführt werden konnte (weshalb wurde nicht die Herausgabe an die Polizei verboten..?) Selbstverständlich wäre das Projekt auch ein Misserfolg gewesen, wenn Sexarbeiter befürchten müssen, ihre Kunden zu verraten. Und im schlimmsten Fall könnte Prosentret sogar für "Förderung der Prostitution" belangt werden.

http://www.thelocal.no/20131003/data-tsar-blocks-oslo-prostitute-register

Nachtrag vom 23.10:

Kriminologin May-Len Skilbrei kritisiert, dass Sexarbeiterinnen in Norwegen bei der Verfolgung von Menschenhandel misshandelt werden. :

Prostitute abused in pursuit of criminals

The way the police treat the prostitute , violate their rights , says researcher .
In Norway connects prostitution , trafficking and immigration law in such a way that women who sell sex gets worse , and in the other Nordic countries occurs similar things . In Norway connects prostitution , trafficking and immigration law in such a way that women who sell sex gets worse , and in the other Nordic countries occurs similar things . Prostitution market in Norway and neighboring countries has become far more international in recent years and now takes place in a variety of environments . Many prostitute coming across the border to sell sex, and contact with customers takes place over the Internet and mobile telephony as well as on the street. It has also internationalized prostitution aroused concerns about women victims of trafficking and pimping . In Norway and in our neighboring countries , we have laws against human trafficking and a number of measures to help the victims . At the same time the police and authorities also foreign prostitute as a problem to be stopped at the border. They are not alone in seeing it that way, also the tourist industry , hotel industry and residential landlords want the cross-border prostitution restricted.

 
Monitored and controlled

 
It is entirely permissible to sell sex in Scandinavia today . At the same time , there are laws that prohibit foreign women selling sex, or forbidden to sell sex in specific arenas. In addition, police women who sell sex as a means to prosecute human trafficking , pimping and buying sex , which means they are monitored and controlled by the authorities and the police , although they have not broken any laws.

 
deprived of rights

 
This is about the police in Scandinavia think handy , and use the funds they have available . Although women in politics and debate is often seen as victims and the weaker party , involves policy in practice that their lives are difficult. Foreign women who sell sex are particularly vulnerable , since the police are using them in an attempt to uncover human trafficking and organized crime.

 
Assumed victims get help or not often depends on how far they stretch to help police and prosecutors . The consequence is that the prostitute who comes across the border get their freedoms and rights restricted. They are stopped at airports and refused visas, they are " outet " and thrown out of their homes by the landlord tips about possible prostitution , they are denied rooms at hotels and guesthouses , sent out of the country and so on . Police grounds are like the women are " victims " who must be saved from prostitution and human trafficking , but this puts women at the same time in a very difficult situation. Police in Scandinavia think handy , and use the resources they have available , says Skilbrei . Police intervention in prostitution and in the lives of the foreign women are greatly increased in recent years , and the search for witnesses to trafficking prevents or makes women's access to Norway difficult. (Anm.: Prostitutionsbekämpfung wieder mal als Vorwand für rassistische, sexistische Diskriminierung) Police efforts to stop human trafficking , pimping , illegal immigration and buying sex has created a situation where these women are available for inspection in a completely different way than the rest of the population , says May- Len Skilbrei .She is an associate professor in the Department of Criminology and Sociology , and research on developments in prostitution , migration , gender and immigration .

 
The legislation used creatively

 
Prostitution has for years , since Russian women began selling sex in Norway in the late 90s , aroused suspicion of human trafficking and pimping . Skilbreis research shows how the immigration law and criminal law are connected in various ways to prevent and detect trafficking in the cross-border prostitution . Legislation is also used creatively to prevent full legal prostitution , and to use women as agents in pursuit of criminals. In the article " Transnational prostitution in the conflict between fighting crime and immigration control" (2013 ) describes three different practices Skilbrei government uses . The first is that the police use actions against houses and hotels where women selling sex lives to uncover pimping , trafficking and buying sex . These actions are a strong impact on the lives of women who sell sex. Since the attacks also reveal offenses or lack of residency in the women themselves , this means that actions could just as easily lead to women being taken , that those who exploit them becomes.

 
Police need witnesses

 
The second practice is how prostitutes access to Norway connected with police looking for witnesses to violations of human trafficking section. Police revealed on the border of the incoming women have broken immigration law or criminal law , and use this as an input to discussions with them to get them to " admit " that they are victims of trafficking. The women like to be seen as victims who need help. But instead of giving them the help they are detained for minor offenses. It is not uncommon for women missing passport or residence permit. Police then uses these offenses as leverage to get the conversations with women about crimes others have committed.
Human trafficking is an offense for which prosecution is highly dependent on courtroom testimony from victims , so it is important for police to secure these . At the same time puts the increased monitoring and initiatives to women them in a vulnerable situation. Skilbrei shows how this practice , which is often held up as an example to be followed by the police, goes beyond legal protection , safety and welfare of victims of trafficking.

 
To prevent future offenses

 
The third practice she describes how the Norwegian authorities using immigration law disqualify women at the border that they know or guess going to sell sex or reject visa applications in their home country. The women stopped when not in an attempt to uncover human trafficking and help victims , but to prevent them from traveling to Norway . The aim and the reason is to prevent offenses other people might conceivably perform , such as buying sex . That women "punished " for other possible future offenses. Who else in our society are treated like this, ask Skilbrei .

 
The Nordic model

 
In Norway connects prostitution , trafficking and immigration law in such a way that women who sell sex gets worse , and in the other Nordic countries occurs similar things . The " Nordic model " of prostitution policy reflects the following Skilbrei a political desire to signal that one takes the weak party , when prostitution often associated with oppression of women and the use of force by men.Prostitution and the parties involved are met by different sets of rules that carry with them different views on prostitution . The Penal Code states that whoever buys sex should have the greatest responsibility , because you think he has the most power in the situation. In this respect it is the buyer who should be punished .We also see that the selling sex meet many other bans from other parts of the legislation . In this respect , the authorities very mixed signals about who is responsible for prostitution , says Skilbrei .

 
The blame is placed on the women still

 
- The authorities believe that prohibit the sale would be giving the wrong message , as one would blame the women , and there is little political tradition in Norway and Scandinavia. But in practice it is done anyway , to deal with human trafficking , pimping and buying sex .We see in Europe that it is women work against prostitution and trafficking greatly exceeds . The legislation is not applied to men, but it is not getting men who sell sex either. You define them outside problem. Sex-purchase law is handled very differently, and when not expose the male sellers for the same intervention must also be a gender perspective here , think Skilbrei .

Freitag, 4. Oktober 2013

Ausnutzung von Notlagen durch Missionare

Ich glaube nicht, dass alle Beratungs- und Hilfsorganisationen mit kirchlichem oder sonstig religiösem Hintergrund inkompetent sind und hilfesuchenden Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern schaden. Es gibt einige positive Beispiele, in denen nicht versucht wird mit Sünden-Rhetorik  zum Ausstieg zu bewegen, sondern das Zuhören,  Respekt vor den Bedürfnissen von Hilfesuchenden und echte, vorurteilsfreie Nächstenliebe an erster Stelle steht.

Es gibt jedoch auch zahlreiche Negativbeispiele. Eines davon hier:

http://www.zentralplus.ch/de/news/gesellschaft/28478/Missionare-auf-Luzerns-Strassenstrich-aktiv.htm?st-body=1

Missionare auf Luzerns Strassenstrich aktiv

«Ich habe Sexarbeiterinnen auf dem Strassenstrich besucht, um mich davon zu überzeugen, dass es in Luzern keine Opfer von Menschenhandel gibt. Es ist jedoch offensichtlich, dass auch hier Opfer von Menschenhandel leben und arbeiten», sagt Claudine Tanner aus Malters. 25 Jahre alt ist die kaufmännische Angestellte und seit November 2012 nimmt sie regelmässig Kontakt mit Prostituierten auf. Jede zweite Woche besucht sie diese auf dem Strassenstrich oder bei ihnen zuhause.

Vereinsziel: Ausstieg aus dem Milieu

Claudine Tanner tut dies für den Verein «bLOVEd», der im August 2013 gegründet wurde. Die Exponenten gehören teilweise der überkonfessionellen Freikirche ICF Luzern sowie dem Christlichen Zentrum Zollhaus Emmenbrücke an.
Doch will ein Verein, der gerade mal sieben Mitglieder zählt, tatsächlich gegen ein Business aktiv werden, das zum ältesten Gewerbe der Welt gehört und seit über 2000 Jahren existiert? «Unser Ziel ist, die Frauen und Männer aus dem Sexmilieu heraus zu holen», sagt Claudine Tanner. Ist das nicht illusorisch? «Nein. Wir haben es zwar bisher nicht geschafft. Vielleicht geht es vor allem darum, dass wir zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sind», hofft Tanner weiter.
Motivation zieht sie unter anderem aus einem Beispiel vom Zürcher Strassenstrich. Hier konnte eine Frau, die nach ihren Angaben unfreiwillig im Sexgewerbe gelandet sei, zurück nach Ungarn begleitet werden. Die Luzernerin hofft, bald einen ähnlichen Erfolg in Luzern erzielen zu können.

Massive Kritik von Fachstelle

Dass sich Anhänger von Freikirchen auf dem Strassenstrich engagieren, beurteilt Jaqueline Suter von Xenia Bern als falsch. «Sie besitzen nicht die nötige Kompetenz. Solche Einsätze machen aus meiner Sicht absolut keinen Sinn», sagt Suter, die seit 16 Jahren für Xenia Bern tätig ist. Die Fachstelle berät Frauen und Männer, die im Sexgewerbe tätig sind. Suter kennt die Anliegen der Missionare und weiss: «Sie kümmern sich nicht um die Rechtslage und vermitteln ein total falsches Bild.» Freikirchen gingen davon davon aus, dass alle Frauen im Sexgewerbe Opfer von Frauenhandel seien und gerettet werden müssten. «Das ist unprofessionell, unsensibel und sehr plakativ», so Suter.
Eine Schuldzuweisung bringe den Sexarbeiterinnen nichts. «Die Frauen und Männer, die im Sexmilieu arbeiten, fühlen sich schon genügend schuldig. Mit ihren Einsätzen fügen die Missionare den Betroffenen nur noch mehr Schaden zu», urteilt die 49-Jährige.

Fälle von Menschenhandel in Luzern

Auch die Luzerner Polizei sieht das von den Freikirchen gezeichnete Bild differenzierter.  «Dass es auch bei uns Opfer von Menschenhandel gibt, ist unbestritten. Es ist aber sicher nicht so, dass jede Frau ein Opfer ist», glaubt Simon Steger von der Kriminalpolizei Luzern. «Es gibt durchaus Frauen, die im Sexgewerbe arbeiten und das freiwillig tun, weil sie dabei viel Geld verdienen können», erklärt der 37-jährige Spezialist für Menschenhandel.
Die Luzerner Polizei führe zwar immer wieder Verfahren wegen Opfer von Menschenhandel durch. «Bis jetzt haben aber die meisten dieser Opfer in den Salons und Clubs und nicht auf dem Strassenstrich gearbeitet.» Die Luzerner Polizei habe deshalb eine Stelle geschaffen, bei der sich die Mitarbeiter hauptsächlich um dieses Deliktsfeld kümmern.

Mangelndes Angebot «ein Skandal»

Dies alleine genügt Xenix nicht. Jaqueline Suter finde es «einen Skandal», dass es in Luzern bisher kein professionelles Angebot für Prostituierte gibt. Denn es sei auch die Aufgabe solcher Fachstellen, Fragen rund um die Religion abzuklären und dort zu unterstützen. Dies beinhalte auch die Vermittlung an die Landeskirchen, wo professionell seelsorgerisch ausgebildete Menschen arbeiten. Suter ist überzeugt: «Die Missionare missbrauchen die Abhängigkeit und die Notsituation, in der sich die Frauen und Männer befinden, für ihre persönlichen Zwecke. Sie nehmen ihnen den letzten Glauben an sich selber.»
Viele der Sexarbeiterinnen seien religiös und würden sich dadurch schon in einem psychologischen Dilemma befinden. «Dann zu hören, dass dir Gott hilft, ist keineswegs hilfreich. Damit werden keine Mieten bezahlt und keine Familien ernährt. Für mich stellt das ganz klar eine Ausnützung der Notlage dar

Ewiges Leben - aber nur für Gläubige

 Dem widerspricht Claudine Tanner. «Wir möchten den Prostituierten ein Stück Würde zurückgeben.» Jedes der sieben Vereinsmitglieder sei «sehr gläubig» und handle vor allem aus Nächstenliebe. «Wir staunen immer wieder, wie viele Sexarbeiterinnen gläubig sind. Sobald wir mit ihnen über den Glauben reden, sind sie offen. Wir beten zusammen mit den Prostituierten dafür, dass sie ein besseres Leben führen können oder dass es ihren Familien gut geht.» Und sie ist überzeugt, dass Gott nach dem Tod über jeden Menschen richten werde. «Diejenigen, die an Gott glauben, werden befreit und das ewige Leben geschenkt bekommen.»
Und Tanner berichtet, dass sie in den knapp zehn Monaten «schöne und krasse Situationen» erlebt habe. Die 25-Jährige erzählt von einem Transsexuellen, der unter starkem Einfluss von Alkohol völlig ausgerastet ist: «Er war verzweifelt, weil er an diesem Abend keine Kunden hatte. Er sagte, dass er von seinem Freier geschlagen werde, wenn er kein Geld heimbringen würde. Wir haben mitten in der Nacht versucht, ihn zu einer Vermittlungsstelle oder einer Opferbetreuung zu bringen.» Man habe bei der Polizei und beim Kantonsspital angerufen. «Wir haben keine Hilfe bekommen, niemand war zuständig. Wir mussten ihn zurück lassen. Das war sehr frustrierend.»

Luzerner Polizei: «Nicht jede Frau ist Opfer»

Simon Steger von der Kriminalpolizei Luzern sagt zu diesem Vorwurf: «Grundsätzlich gehen wir jeder Meldung nach, wenn dahinter eine Straftat stecken könnte. Doch wenn nichts Strafrechtliches im Vordergrund steht, sind uns die Hände gebunden.»
Für Claudine Tanner ist trotzdem klar: Aufgeben und die Sache an den Nagel hängen will sie nicht. Vielmehr fordert sie, dass Prostitution und Pornographie weltweit verboten werden müssten. Für Simon Steger ist ein Verbot keine Lösung. «Es ist das älteste Gewerbe der Welt, das sagt doch schon alles. Es ist  trügerisch zu glauben, dass man die Zwangs-Prostitution mit einem Verbot verbannen kann. Damit würden die Frauen noch mehr in die Illegalität gezwungen. Ob es ihnen so besser gehen würde, ist fraglich

«Ein Missbrauch»

Auch für Jaqueline Suter von Xenia Bern steht fest: «Ein Verbot würde nichts Positives bewirken. Damit würde man den Sexarbeiterinnen noch den letzten kleinen rechtlichen Status, den sie besitzen, wegnehmen. Dadurch würden sie noch mehr ausgebeutet werden.»
Gleichzeitig wünscht sich die 49-Jährige, dass sich die Missionare vom Strassenstrich zurückziehen. «Sie sollen in der Allgemeinbevölkerung missionieren. Nicht dort, wo die Menschen geschwächt sind und wenig Selbstbewusstsein haben.» Es bestehe die Gefahr, dass dadurch die Arbeit der Fachstellen behindert und der Kontakt zu den Frauen und Männern im Sexgewerbe erschwert würden. In Biel und Thun seien die Beraterinnen von Xenia auch schon vor verschlossenen Türen gestanden, wenn sie einen Salon besuchen sollten. « Den Mitgliedern von bLOEVd geht es gar nicht um eine Hilfestellung. Sie wollen einfach missionieren und möglichst viele Schafe retten.»

Nachtrag vom 29.12.: Mission Freedom ist ein weiteres Beispiel für eine schädliche christliche "Hilfs"organisation. Opfer von Menschenhandel, denen Mission Freedom angeblich geholfen hat, werden in Filmen vorgeführt, wodurch ihre Sicherheit gefährdet wird. Gemäss einem Bürgerschaftsabgeordneten mussten betroffene Frauen ihr Handy abgeben und durften nicht mehr weltliche Musik hören. Die Organisation schliesst Betreuungsverträge mit den Opfern ab, in denen "gegenseitige Erwartungen und Verpflichtungen geklärt werden". Worin diese Erwartungen bestehen, konnten die Journalisten nicht herausfinden. Fest steht jedoch, dass jegliche Erwartungshaltungen an Opfer von Menschenhandel völlig fehl am Platz sind und nur bei unseriösen "sozialen" Organisationen anzutreffen sind. Typischerweise bestehen solche Erwartungen darin, dass das Opfer nicht als Sexarbeiterin ihren Lebensunterhalt bestreiten darf (ich weiss nicht, ob dies hier der Fall ist, aber halte es für sehr wahrscheinlich). Hilfe in Notsituationen wird also davon abhängig gemacht, dass ein Menschenhandelsopfer nicht gleichzeitig Sexarbeiterin sein darf. Hier kommt das falsche Bild vom "perfekten Opfer" zu tragen: Hilfswürdig ist nur, wer unfreiwillig Sex gegen Geld anbieten musste oder bereit ist, auszusteigen und somit "geläutert" ist. Dies zeigte sich unter Anderem im tragischen Fall von Yasmin, wo die schwedischen Behörden nicht bereit waren Schutzmassnahmen gegen einen gewalttätigen Ex-Ehemann zu ergreifen, weil das Opfer Sexarbeiterin war. Sie hätte zuerst ihr "echtes Problem" (d.h. die Sexarbeit) erkennen müssen, um Hilfe zu erhalten, was sie als selbstbestimmte, zufriedene Sexarbeiterin jedoch nicht tat.

Samstag, 21. September 2013

Weitere Auswüchse des "progressiven" schwedischen Modells: Rassistische Diskriminierung

Hier ein weiteres Beispiel dafür, weshalb das schwedische Modell schädlich ist. Diesmal nicht nur gegenüber Sexarbeiterinnen, sondern gegen ausländisch aussehende Frauen.

http://www.thelocal.se/50200/20130912/

"A pub in south central Sweden has been cleared of discrimination charges after bouncers denied entry to several women of Asian appearance in what owners claimed was an attempt to cut down on Prostitution."

Im Kampf gegen Sexarbeit und Menschenhandel werden die Rechte von Sexarbeiterinnen gerne als Kollateralschaden akzeptiert. Nun wird die rassistische Diskriminierung nicht-kaukasischer Frauen damit gerechtfertigt. Vielleicht werden solche Diskriminierungen bald auf Kondom-mitführende, sexy gekleidete weisse Frauen ausgeweitet. Oder auf Frauen im Allgemeinen, welche nicht in Begleitung ihres männlichen Vormundes sind.

Donnerstag, 18. Juli 2013

Protest-End Violence Against Sex Workers

Morgen wird in Städten rund um die Welt vor den Schwedischen und Türkischen Botschaften gegen Gewalt an Sexarbeiter/innen protestiert- besonders gegen die strukturelle Gewalt, welche Sexworker zur Menschen zweiter Klasse degradieren will und dadurch direkte Gewalt begünstigt. Mehr Infos dazu hier:

http://jasmineanddora.wordpress.com/

Kurzfassung von Menschenhandel Heute, worum es geht:
 
"Eve Marie, oder Jasmine Petite, wie sie sich als Sexarbeiterin nannte, eine schwedische Sexarbeiterin, Sexarbeit-Aktivistin und Board Member der schwedischen Sex Workers’ Rights Organisation Rose Alliance, wurde vor einigen Tagen von ihrem Ex-Ehemann brutal umgebracht. Sie lag im jahrelangen Streit um das Sorgerecht mit ihm über die gemeinsamen Kinder. Das Sorgerecht wurde durch die Behörden dem gewalttätigen Ehemann zugesprochen, da sie als Sexarbeiterin als nicht geeignet galt. Obwohl sie wiederholt versucht haben soll, Anzeige wegen häuslicher Gewalt und Übergriffen gegen ihn zu erstatten, habe man ihre Hilferufe ignoriert – sie sei ja schließlich eine Sexarbeiterin. 
Dora, eine transsexuelle Sexarbeiterin wurde in der Türkei ermordet. Berichten zufolge handelt es sich um ein weiteres, trauriges Anzeichen für die zunehmende transphobe Gewalt in der Türkei. LGBT-Organisation, darunter auch Transgender Europe, fordern einen stärkeren Eingriff gegen transphobe Gewalt, die manche mit einem “Massaker” vergleichen."

Samstag, 13. Juli 2013

Weshalb Kundenbestrafung für Sexarbeiterinnen schädlich ist.

In Diskussionen um die Kriminalisierung des Kaufs sexueller Dienstleistungen wird oft eingewendet, dass Sexarbeiterinnen (denn um männliche geht es so gut wie nie)  dadurch weniger Schutz haben und weiter "in den Untergrund" getrieben werden. Vielen Befürwortern solcher Regelungen scheint nicht klar zu sein was damit gemeint ist, deshalb möchte ich hier näher darauf eingehen.

Wenn man annimmt dass die Polizei das Verbot tatsächlich durchsetzen will, wird sie versuchen möglichst viele Kunden zu erwischen. Dies geht natürlich am einfachsten, indem man Sexarbeiterinnen ausfindig macht und sie regelmässig bei ihrer Arbeit stört. Sexarbeiterinnen sind auf ihr Einkommen angewiesen. Wenn nun eine Sexarbeiterin vergewaltigt oder sonst wie von Kunden misshandelt wird, wird sie es ich gut überlegen zur Polizei zu gehen,
denn dann gerät sie auf den Radar der Sittenpolizei. Sie muss in erster Linie um ihr Einkommen und ihre Ruhe fürchten, aber auch um ihre Kinder, denn die Jugendschutzbehörden Schwedens sehen gar nicht gerne sexarbeitende Mütter. Auch ihr Partner steht unter dem Verdacht ein Zuhälter zu sein. Vielleicht wird sie sogar auf die Strasse gestellt, denn eine Sexarbeiterin zu beherbergen kann u.U. als Zuhälterei gelten.

Die halbe Kriminalisierung stigmatisiert auch die "straflose" Anbieterin, oder zumindest wird die ent-stigmatisierung weitgehend verhindert. Sexarbeiterinnen werden weiterhin wie Kriminelle behandelt, auch wenn sie nicht mit Gefängnis oder Busse bedroht sind.

Hier ein Beispiel dafür wie Sexarbeiterinnen in Schweden behandelt werden, mit einem besonders traurigen Ausgang:

"Our board member, fierce activist and friend Petite Jasmine got brutually murdered yesterday (11 July 2013). Several years ago she lost custody of her children as she was considered to be an unfit parent due to being a sex worker. The children were placed with their father regardless of him being abusive towards Jasmine. They told her she didn't know what was good for her and that she was "romantisizing" prostitution, they said she lacked insight and didn't realise sex work was a form of self-harm. He threatened and stalked her on numerous occations, she was never offered any protection. She fought the system through four trials and had finally started seeing her children again. Yesterday the father of her children killed her. She always said "Even if I can't get my kids back I will make sure this never happens to any other sex worker". We will continue her fight. Justice for Jasmine!" (Meldung der Sexworker-Vereinigung Rose Alliance)
 
 
"Those opposed to sex work have constructed a narrative that only allows sex workers to parrot theory, be good little puppets who trot out the party line like defendants at a Stalin era Russianshow trial and then the doors of rape crisis centers, domestic refuges and conferences open wide to you. Dare to say no, I have choices and I choose sex work, but this bad thing happened to me because bad things can happen to anyone and you are “romantacising sex work”
 
 
Dies ist gleichzeitig ein Beispiel dafür, wie "unperfekten Opfern" kein Schutz gewährt wird. Um geschützt zu werden, muss man eine reuige Sünderin sein- nur diesmal uminterpretiert in ein reuiges Opfer.
 
Weiterhin sind Sexarbeiterinnen massiver Belästigung durch Polizisten ausgesetzt. Hier ein früher schonmal verlinkter Artikel, nach dem eine Sexarbeiterin in Schweden von ihrer Schule verbannt wurde, weil sie zu ihrer Arbeit stand. Maggie McNeills Kommentar dazu:
 
"Swedish “feminists” pretend to care so very much for sex workers that they’re willing to destroy our lives to “save” us from imaginary “degradation”; selling sex is not illegal, but if a sex worker dares to speak openly about her choice she will be punished in many ways other than imprisonment, such as by expulsion, eviction, police harassment and more."

Nachtrag vom 16.7.2013: Noch ein wichtiger Punkt den ich vergessen habe ist, dass die Kundenkriminalisierung meistens mit einem Bordellverbot einhergeht- d.h. mehr als eine arbeitende Frau pro Wohnung ist für die Mieterin strafbar. Eine Sexarbeiterin kann als "Zuhälterin" bestraft werden, falls sie ihre Arbeitswohnung an Kolleginnen untervermietet. Dies verhindert, dass Sexarbeiterinnen sich zusammentun, um gemeinsam sicherer und mit weniger Fixkosten arbeiten zu können.


Hier ein Interview mit der schwedischen Sexarbeiterin Pye Jacobsson zur Einstellung der Behörden gegenüber Sexarbeiterinnen: We want to save you! And if you don't appreciate it, we will punish you.

Bericht einer finnischen Sexarbeiterin, wie sie bei ihrer Geschäftsreise in Norwegen (wo auch Freierbestrafung herrscht) behandelt wurde: http://www.sexwork.net/forum/showthread.php?t=117523

Feminist Ire dazu:

Prohibitionist campaigners…portray Sweden’s stance on sex work as progressive, and assert that sex workers themselves are not targeted (…) They’re painted as victims to be pitied and rescued (…) but as with religion-cloaked homophobia, this distinction makes little difference to those on the receiving end (…) Police stake out sex workers’ homes and workplaces, clandestinely film them, and subject them to invasive searches.  Sex workers are often forced to testify in court, but have the rights of neither victim nor accused.

Kritikpunkte von Soziologin Laura Augustin zur staatlichen Evaluation der Kundenbestrafung in Schweden, welche schwerwiegende methodologische Fehler aufweist (es standen z.B. gar keine Daten zur Verfügung, um einen wirklichen Vergleich zwischen der Situation vor- und nach der Einführung vorzunehmen)  und das Gesetz trotzdem als einen "Erfolg" wertet.

Weitere Auswirkung von Kundenbestrafung, vom Center for Human Rights and Humanitarian Law:

"Sex workers report that criminalization of clients in Sweden has reinforced and increased the social
stigma about prostitution (Skarhed 2010, 34; Dodillet and Östergren 2011, 21). (...)
The Report (Anm.: Evaluierung der Kundenbestrafung durch den Staat) declares that the negative effects of stigma due to the law "must be viewed as positive from the perspective that the purpose of the law is indeed to combat prostitution" (Skarhed 2010, 34, emphasis supplied). In other words, the many harms of social stigma are, in fact, a positive outcome of the law because stigma may push women into other forms of work.

Nach der Logik der schwedischen Behörden ist also alles, was Sexarbeiterinnen Leid zufügt, "positiv" zu bewerten.

Dienstag, 9. Juli 2013

Sexarbeit als Gipfel der Selbstbestimmung

Ich habe nun schon öfter in der Netzwelt Beiträge gesehen, in denen der Mädchenmannschaft und einzelnen feministisch inspirierten Artikeln unterstellt wird, Sexarbeit als "Gipfel der Selbstbestimmung" darzustellen und sich einseitig mit "privilegierten" Sexarbeiterinnen zu befassen. Solche Vorwürfe lassen sich für mich nur dadurch erklären, dass man sich überhaupt nicht mit den Inhalten dieser Artikel befasst hat.

Ich möchte dafür die Beiträge zum Thema Sexarbeit anschauen, welche bei der Mädchenmannschaft im den letzten Jahren publiziert wurden- in der Hoffnung, dass dieser Artikel von wie oben kommentierenden Personen tatsächlich gelesen wird, anstatt nach dem Ausdruck "Sexarbeit" an Stelle von "Zwangsprostitutionausbeutungzwang" mental abzuschalten.

Die letzten Beiträge waren vor allem Verlinkungen zu diesen Kritiken am Spiegel-Artikel "Bordell Deutschland": http://courtisane.de/blog/?p=659
http://menschenhandelheute.net/2013/05/28/bordell-deutschland-journalismus-auf-lucke/

Ist es falsch, eine Sexarbeiterin zu Wort kommen zu lassen, wenn sie ihren Job mag? Deutet man damit an, alle Sexarbeiterinnen würden ihren Job aus purem Vergnügen machen? Ignoriert man Ausbeutung, wenn man unsachliche Artikel kritisiert?

In diesem Artikel geht es um Victim Blaming:
http://maedchenmannschaft.net/solidaritaet-und-unterstuetzung-auch-fuer-unperfekte-opfer/

"Sind sie Opfer von Menschenhandel geworden, gelten sie als „unschuldig“ und Hilfe ihnen gegenüber als moralische Pflicht. Haben sie sich jedoch scheinbar „freiwillig“ für die Sexarbeit entschieden (so freiwillig, wie Lohnarbeit eben sein kann), gilt ihr Lage als „selbst-“ oder zumindest „mitverschuldet“

Hier geht es um verschiedene Positionen zum Thema Sexarbeit:
http://maedchenmannschaft.net/sex-arbeitende-muetter/

"Wenn die Arbeitsbedingungen allein von Kapitalismus und Ausbeutung geprägt sind, ist die Arbeit wohl kaum selbstbestimmt und empowering. In anderen Kontexten jedoch ist sicherlich eine freie und befriedigende Arbeit möglich. Ich schliesse also mit einer Banalität: Sex-Arbeit ist nicht gleich Sex-Arbeit und sollte, wie alles, differenziert betrachtet werden."

Hier wird eine Kampagne, welche Menschenhandelsopfer zur sexuellen Ausbeutung als verpackte Fleischwaren darstellt, kritisiert:
http://maedchenmannschaft.net/frischfleisch-gegen-frauenhandel/

Hier wird gezeigt, dass Sexarbeiter/innen selbständig handelnde Individuen sind, welche für ihre Rechte eintreten können und denen man zuhören muss:
http://maedchenmannschaft.net/nicht-nur-opfer-sexarbeiter_innen/ ...bedeutet dies, dass es keinerlei Probleme in der Sexarbeit gibt, alles supidupi?

In diesem Artikel geht es um ein sexistisches Geschäftsumfeld, in welchem die Mitarbeiter mit Sexdienstleistungen belohnt werden: http://maedchenmannschaft.net/wenn-herr-kaiser-und-seine-freunde-mal-so-richtig-feiern/

Ich kann bei bestem Willen nicht erkennen, wo hier Prostitution durch eine rosa Brille gesehen wird.

Anzuerkennen, dass es nicht nur alle paar Lichtjahre Sexarbeiterinnen gibt die mit ihrem Job zufrieden sind, bedeutet nicht, Missstände zu ignorieren. Im Gegenteil- dadurch, dass positive Beispiele aufgezeigt werden, wird klar, dass schlechte Arbeitsbedingungen und Gewalt für Sexarbeiterinnen keinesweg zwangsläufiger Berufsalltag ist. Es gibt Alternativen zwischen (evtl. erzwungenem) Ausstieg/Armut und der Inkaufnahme von Ausbeutung- Verbesserungen in den Arbeitsbedingungen sind möglich. Zyniker/innen sagen nun, dass es für Sexarbeiterinnen keine Rolle spielt, ob arbeitsrechtliche Mindeststandards eingehalten werden und die Kunden respektvoll oder übergriffig sind, da Sexarbeit in jedem Fall eine Art Vergewaltigung darstellt. Diese Sicht ist nicht nur falsch- natürlich spielt es für uns eine Rolle, wie wir behandelt werden, ob privilegiert oder nicht- sondern auch schädigend, da das Vorurteil reproduziert wird, man könne Menschen, die sexuelle Dienstleistungen anbieten, durch die Inanspruchnahme dieser Dienstleistung kaufen. Schliesslich willigt sie ein, "vergewaltigt" zu werden- was spielt es denn da noch für eine Rolle, ob man ihre Grenzen respektiert und sie freundlich behandelt?

Missstände in der Sexarbeit müssen angesprochen und bekämpft werden. Dafür ist es jedoch nicht notwendig, Sexarbeiterinnen in prekären Situationen als durchwegs hilflose, naive Opfer, die "innerlich tot" sind und deshalb keine Entscheidungen treffen können, darzustellen. Eine solche Darstellung reproduziert nur die Stigmatisierung von Sexarbeiterinnen, und übt Druck auf sie aus, Missstände zu verschweigen, um in der Öffentlichkeit nicht als Opfer bevormundet zu werden. Die Realität ist wohl, dass viele Sexarbeiterinnen aufgrund von begrenzten Optionen dieser Tätigkeit nachgehen und unter finanziellem Druck stehen. Dies bedeutet nicht, dass sie nicht rational handelnde Individuen sind, welche die bestmögliche Option für sich auswählen- auch wenn diese Option alles andere als ideal sein mag. Sexarbeiterinnen agency zuzugestehen bedeutet nicht, Sexarbeit als Gipfel der Selbstbestimmung darzustellen.

In der Diskussion um Sexarbeit werden oft zwei unterschiedliche Fragen miteinander vermischt- einerseits, ob Sexarbeit legitim ist, andererseits ob Prostituierte Spass an ihrem Job haben. Die finanzielle Motivation der meisten Sexarbeiterinnen wird manchmal als Vorwand genommen, um ihnen selbständiges Handeln abzusprechen und die Bekämpfung von Prostitution zu fordern. Man kann Sexarbeit natürlich aus der Perspektive kritisieren, dass etwas, das man idealerweise aus purer Lust macht, hier als (oft einseitige) Geld-gegen-Sex Transaktion vorgenommen wird. Wenn es jedoch darum geht, was Sexarbeiterinnen wollen und brauchen, wie man sie behandelt und bewertet, dann sollte man nicht aus dem Utopia herab argumentieren, sondern aus der Realität. Diese Realität beinhaltet Wohlstandsgefälle zwischen Staaten, demographischen Schichten und Geschlechtern, und Menschen, die versuchen aus ihrer zum Teil prekären Situation das Beste zu machen. Sie sollten dafür nicht bemitleidet und stigmatisiert, sondern anerkannt und, soweit erwünscht, unterstützt werden. Sexarbeit zu verteufeln nützt gerade denjenigen Personen, welche aufgrund von finanzieller Not kaum Verhandlungsmacht haben, am allerwenigsten.

Mittwoch, 19. Juni 2013

Armut schafft Ausbeutung

Nochmals die tatsächlichen Gründe, weshalb es in der Erotikbranche Ausbeutung und Menschenhandel gibt. Und was man dagegen tun kann, wenn man wirklich an einer Besserung für die Betroffenen und nicht nur an Repression von Sexarbeit interessiert ist:

http://www.rhein-zeitung.de/nachrichten/von-unserer-korrespondentin-in-berlin_artikel,-Kuenast-Prostitution-boomt-wegen-Armut-in-Europa-_arid,611629.html

"Grünen-Fraktionschefin Renate Künast verteidigt das rot-grüne Prostitutionsgesetz von 2002.

dpa: Ist Deutschland wirklich das "Bordell Europas?"

Glauben Sie das im Ernst? Ich nicht. Es gibt nicht einmal verlässliche Zahlen. Im Übrigen finde ich diesen Begriff derart unter Niveau, dass es mir die Sprache verschlägt. Jeder weiß doch, dass es so nicht ist.

Viele Experten sind aber der Ansicht, dass das Prostitutionsgesetz von Rot-Grün von 2002 Zwangsprostitution und Menschenhandel befördert hat. Würden Sie das Gesetz noch einmal so beschließen?

Die These ist falsch. Es gibt dazu keine Belege. Das ist aus meiner Sicht eine Kampfthese von einigen, die etwas anderes völlig ausblenden. Wir haben eine Situation von Armut in Bulgarien und Rumänien, die Wanderungen auslöst. Freizügigkeit gilt nicht nur für die Reichen und Schönen, sondern für alle Menschen, auch für die Armen und Perspektivlosen. Das ist es, was zu einer Zunahme der Prostitution geführt hat. Aber sicher nicht unsere rechtlichen Regelungen.

War das Gesetz also genau richtig?

Wir hätten das Gesetz damals gern ausgeweitet. Wir wollten Prostitution schon damals als Gewerbe definieren. Das wollten die Bundesländer nicht, weil sie es hätten umsetzen müssen. Seit Jahren hat die Koalition nun Zeit, die EU-Richtlinie gegen Menschenhandel und für besseren Opferschutz umzusetzen. Was sie jetzt vorgelegt haben, ist auch sehr dürftig.

Die Grünen haben aber damals gar nichts falsch gemacht?

Die Länder wollten nicht weitergehen. Das ändert aber nichts daran, dass die Frauen vor dem Gesetz eine Dienstleistung erbracht haben, die sie zivilrechtlich nicht einklagen konnten und die als sittenwidrig galt. Das haben wir geändert, damit sie sich sozialversicherungsrechtlich absichern können. Die Frauen können auch ihr Geld einfordern. Ich stehe zu dem Gesetz.

Kritiker behaupten aber, dass durch die Anerkennung des Berufs keine Kontrollen möglich sind.

Mit der Problemlage heute hat unser Gesetz nichts zu tun! Sie ist durch Armutsmigration ausgelöst und dadurch, dass man bei der Gewerbeaufsicht nicht den nächsten Schritt gegangen ist, dass wir im Strafrecht zu wenig Zeugenschutz haben, dass es kein Bleiberecht für die Zeuginnen gibt. Wenn die Frauen aussagen, werden sie bedroht und unter Druck gesetzt. Der Staat gibt bisher keine Sicherheit für die Durchführung des Strafverfahrens."