Montag, 9. Dezember 2013

Disqualifikation von Sexarbeiterinnen

Es ist klar, welche Strategie Alice Schwarzer und andere Prostitutionsgegner fahren: Disqualifikation von Sexarbeiterinnen als Subjekte auf gleicher Augenhöhe. Hier ein Artikel der Soziologin Laura Augustin dazu.

Schwarzer besteht darauf, dass alle Sexarbeiterinnen entweder Opfer von Menschenhandel sind, oder in der Kindheit Erfahrungen mit sexueller Gewalt gemacht haben. Was für eine Nachricht an alle Opfer sexueller Gewalt: HAHA, ihr seid nicht mehr richtig im Kopf und dürft deshalb nicht mehr mitdiskutieren, nichtmal über euer eigenes Leben (ausser natürlich, ihr habt die gleiche Meinung wie ich- dann seid ihr Vorzeigeopfer und habt was wichtiges zu sagen). Und wenn dann eine Sexarbeiterin durch ihr Selbstbewusstsein so überzeugt, dass sie nicht mehr als bemitleidenswertes Opfer gelten kann, wird sie zur Täterin gemacht. Eine Menschenhändlerin und Ausbeuterin, die vom Leid der angeblich grossen Massen von Zwangsprostituierten profitiert.

Keine Sexarbeiterin will, dass ihren Eltern unterstellt wird, sie hätten sie als Kind missbraucht oder dies geschehen lassen. Wenn man tatsächlich missbraucht worden ist, möchte man das nicht unter die Nase gerieben bekommen. Und keine will als psychisch krank und unmündig gelten, vor allem wenn sie ein soziales Umfeld, Kinder und einen anderen Job haben. Und so werden weiterhin diese Vorurteile verbreitet, damit sich auch ja möglichst wenige Sexarbeiterinnen getrauen, öffentlich für sich selbst einzustehen. Bei Sexarbeit wirken diese Vorurteile im Vergleich zu anderen sexuellen Minderheiten wie Homosexuellen besonders gut. Homo- und Bisexuelle haben oftmals ihr Leben lang ihre sexuelle Orientierung. Sie sind daran gebunden und können nicht einfach "aussteigen". Daher lohnt es für sie, zu kämpfen. Für viele Sexarbeiterinnen ist Sexarbeit aber nur ein Job. Etwas, das sie ein paar Jahre machen um ihre Familie zu ernähren und Schulden abzubezahlen, oder aus Abenteuerlust- um danach auszusteigen. Später weiss niemand, dass sie jemals Sexarbeiterinnen waren. Für diese Frauen bedeutet ein Outing, dass sie ihre bürgerliche Zukunft zerstören. Der Schaden eines Outings und Richtigstellung der Vorurteile ist für eine einzelne (ehemalige) Sexarbeiterin gross, der Nutzen klein. Schwarzer und Co. unternehmen alles, damit dies auch so bleibt. Und diejenigen Sexarbeiterinnen, die sich wehren, werden als Opfer oder Täterinnen disqualifiziert.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Schon dein erster Satz ist falsch.

Sina hat gesagt…

Na, das nenne ich mal einen konstruktiven Kommentar.

Anonym hat gesagt…

Liebe Sina, fasziniert lese ich Deine Beiträge auf Deinem Blog und spon und muss einräumen, dass es Dir meist besser gelingt, Deine Position zu verargumentieren, als Deinen Widerrednern. Leider entsteht dadurch der Eindruck, Prostitution sei ein gangbarer Weg für jede junge Frau. Aber: Ihr begebt Euch ohne Not an den Rand der Gesellschaft, riskiert dass sich Euer privates sowie berufliches Umfeld von Euch abwendet und es auch Eure intimsten Freunde schwer haben werden, zu Euch zu halten, wenn bekannt wird, womit Ihr Euer Geld verdient, oder verdient habt, dass Eure Kinder diskriminiert werden, dass jeder Arbeitgeber Euch mit Hinblick auf Eure Vergangenheit jederzeit rausschmeißen kann und wird, weil er seinen Betriebsfrieden erhalten muss. Leider sind die Berichte von ehemaligen, die uns einen Rückblich aus, zehn Jahren auf ihre Zeit als Prostituierte gewähren sehr rar, aber sie bereuen alle, denn diese kurze Zeit des leicht verdienten Geldes ist eine schwere Hypothek für die zweite Lebenshälfte. Und die nehmt Ihr auf, für ein bischen Luxus, oder weil der eine oder andere adipöse Mittsechziger nach dem Sex beglückt lächelt ? Nicht Dein Ernst. Sorry !

Sina hat gesagt…

Ich frage mich wie du darauf kommst, dass ich Sexarbeit für jede junge Frau als gangbaren Weg empfehle. Obwohl ich selbst positive Erfahrungen habe, so lasse ich die negativen Seiten nie aus und betone immer wieder, dass es nicht für jede/n etwas ist.

Es eine haltlose Behauptung, dass "die meisten" Berichte von Frauen sind, die Ihre Zeit als Sexarbeiterin bereuen. Klicke dich mal durch meine Blogliste. Da wirst du nicht nur Berichte von aktuellen Sexarbeiterinnen finden, sondern auch zahlreiche von Ehemaligen, welche durchaus denselben Standpunkt wie ich haben.

Leider gibt es einige Fake-Ex-Prostituierte, welche von Anti-Prostitutions-Vereinen eingesetzt werden um mit Horrorgeschichten Spenden einzutreiben: http://voice4sexworkers.com/2014/03/26/die-falschen-huren-der-rettungsindustrie/

Selbst wenn tatsächlich mehr Ehemalige negatives berichten würden (was wie erwähnt nicht zutrifft), so gibt es einen guten Grund hierfür, der nicht in echtem Bereuen liegt: Eine "reuige Sünderin" wird von der Gesellschaft halbwegs akzeptiert. Sagt eine ehemalige Sexarbeiterin aber erhobenen Hauptes ja, ich habe es getan und kein Problem damit, wird sie als nicht geläuterte Sünderin wahrgenommen und weitaus mehr angefeindet. Einige ehemalige Sexarbeiterinnen ertragen dies nicht und begeben sich lieber in die Opferrolle.

Du sprichst von der 2. Lebenshälfte. Anscheinend denkst du, dass Sexarbeiterinnen nur in der ersten Lebenshälfte erfolgreich sind. Dies trifft keineswegs zu. Ich habe einige Kolleginnen um die 50, die mindestens so gut wie ich verdienen...

Noch vor einem Jahrhundert wäre ich als Frau im Bildungswesen diskriminiert worden, vor einigen Jahrzehnten sogar noch als Frau in "wilder Ehe", heute als Sexarbeiterin...gesellschaftliche Sittlichkeitsnormen sind nie ein guter Massstab, um sein Leben danach auszurichten. Du kennst nicht meine genauen Gründe um als Sexarbeiterin tätig zu sein, unterlasse also bitte Spekulationen.