Freitag, 15. April 2011

Emma und Prostitution

Die (radikal-) feministische Frauenzeitschrift Emma versucht in ihrer neuen Frühlingsausgabe wieder mal mit allen Mitteln, Prostituierte zu pathologisieren. Ein paar Punkte:

Im ersten Artikel "Es ist moderne Sklaverei" wir der Alltag bei der Anlaufstelle La Strada beschrieben. Es eröffnet sich ein Bild des Elends. Roma-Frauen werden von ihren Familien verkauft und schuften sich praktisch zu Tode, während die Männer faulenzen und das Sagen haben. Darauf, dass dies vielmehr mit kulturellen Misständen im Herkunftsland als mit Prostitution generell zusammenhängt kommt man aber nicht. Es wird immer betont, dass die Frauen sich aus finanzieller Not gezwungenermassen Prostituieren. Wenn dies tatsächlich der Fall sein sollte, ist es reine Zeitverschwendung und für die Beteiligten äusserst kontraproduktiv, Prostitution an sich bekämpfen zu wollen. So lange diese NOT bestehen bleibt wird es immer Frauen geben, welche sich Prostituieren MÜSSEN. Man müsste die ganze Wirtschaft und Gesellschaft im Ostblock und den sonstigen Herkunftsländern umkrempeln, alles andere ist schädliche Symptomsbekämpfung. Die Sozialarbeiterin von La Strada setzt noch eine dreiste Behauptung auf: Sexarbeiterinnen, welche sich in Talkshows nicht einseitig negativ über ihre Tätigkeit äussern seien Lobbyistinnen, welche bezahlt werden um zu erzählen "wie geil Prostitution ist".

Anm. an die Kommentatoren, deren Beiträge ich wegen beleidigendem Inhalt nicht veröffentlicht habe: Ich kritisiere nicht, dass diese Missstände angesprochen werden, sondern das es sensationalistisch als Propaganda gegen Freiheitsrechte missbraucht wird. Lest doch bitte was tatsächlich im Post steht, ohne irgendwelchen Mist rein interzupretieren. Zu behaupten, ich sei zu "privilegiert" um mir eine qualifizierte Meinung bilden zu können ist nur eine weitere Masche, um tatsächliche Sexarbeiterinnen welche nicht dieselbe Sichtweise haben zum Schweigen zu bringen. Seid ihr etwa alle alleinerziehende Migrantinnen aus sog. bildungsfernen Schichten, welche eine gewaltvolle Kindheit hatten? Ich schätze eher dass Disqualifizierung wegen "Privilegiertheit" nur für Prostituierte gelten soll.

Im Artikel "Die Freier Baden doch im Schampus" erklärt der Hauptkommissar, dass nur 3-5% aller Prostituierten völlig selbständig arbeiten. Erstens: Es ist kaum verwunderlich, dass ein Polizist zu diesem Schluss kommt, schliesslich erleben diese aufgrund der Natur ihrer Arbeit hauptsächlich Problemfälle. Entsprechend wird auch die Sozialarbeiterin einer Anlaufstelle nicht mit integrierten und zufriedenen Sexarbeiterinnen zu tun haben wird.
Zweitens fragt sich, was mit selbständig gemeint ist. Auch wenn ich ein sogenanntes Independent Escort bin, so bin ich während meiner Buchungen auf andere angewiesen und würde vermutlich als "unselbständig" qualifiziert werden. Ich habe eine Coverperson, die stets weiss wo ich bin und für diese verantwortungsvolle Aufgabe finanziell entschädigt wird. Ausserdem beauftrage ich einen Fahrer, wenn ich einen neuen Kunden treffe (kommt heutzutage nur selten vor, da ich eine zuverlässge Stammkundschaft habe). Dieser erhält dann etwa 1/3 meines jeweiligen Einkommens, was seinem herkömmlichen Honorar entspricht. Als ich noch mit einer Agentur gearbeitet habe, hätte ich sogar sicher als unselbständig gegolten.

Weiter kritisiert der Hauptkommissar das Prostitutionsgesetz. Es sei für gleichgestellte Partner angelegt worden, was der Realität allerdings nicht entspreche. Ein Bordell habe Prostituierten alles vorgeschrieben und sogar Strafgelder bei unzufriedenen Kunden ausgestellt. Eine Klage wegen (der immernoch strafbaren) Zuhälterei sei mit Verweis auf das Prostitutionsgesetz abgelehnt worden.

Bezüglich Prostitution gibt es viele merkwürdige, auch absolut Menschenverachtende Gerichtsurteile (siehe hier). Ich würde gerne das Gerichtsurteil lesen um mir ein eigenes Bild darüber zu machen, aber wie erwartet ist keine Quelle vorhanden. Entweder waren die Voraussetzungen für Zuhälterei oder andere Straftaten in diesem Fall doch nicht erfüllt, konnten nicht nachgewiesen werden oder die Richter empfanden Prostituierte schlicht nicht als schützenswert, was nicht selten ist (Prostituierte können ihren Lohn in der Schweiz zb. immer noch nicht einklagen). Das ist aber nicht der Fehler des Prostitutionsgesetzes, welches nur im Fall von selbstbestimmter Sexarbeit angewendet werden sollte, wenn es denn für diese Konstellation geschaffen wurde.

Weiter wird erwähnt, dass schon versucht wurde, missbräuchlichen Mietzinsen für Tageszimmer zu verhindern. Die Staatsanwaltschaft geht aber auf entsprechende Klagen nicht ein. Diese Bemühungen verdienen volle Unterstützung, denn Wucherzinsen schaden Prostituierten finanziell und führen zu weiteren Schulden. Ich bezweifle aber, dass die Emma und ihre Zielgruppe sich jemals dafür einsetzen würden. Stets wird zur Abschaffung der Prostitution aufgerufen, da bleibt für Verbesserungen der Arbeitsbedingungen kein Raum. Prostitution wird generell schon als so schädlich empfunden, dass es nicht wirklich einen Unterschied macht unter welchen Bedingungen diese stattfindet. Selbstverständlich ist es egal, wie die Betroffenen selbst es empfinden.

Noch am Rande: Emma-Feministinnen wehren sich stets gegen das Label "Lustfeindlich und Prüde". Wenn man die Emma-Themen betrachtet, erscheint dies absolut absurd. Sex wird ausschliesslich aus einem negativen Standpunkt heraus betrachtet. Vergewaltigung. Sexualmord. Pornographie, die Darstellung von sexuellen Akten aller Art, wird als verbildlichte sexuelle Gewalt definiert. Verstümmelung. Häusliche Gewalt. Prostitution ist per se bezahlte Vergewaltigung. Menschen, welche Sex nur um seiner selbst Willen geniessen können, sind emotional abgestumpft. Besondere Vorlieben (vor allem SM) werden äusserst herablassend behandelt. Männer mit sexuellen Bedürfnissen, welche sie auch äussern, sind anmassend und behandeln Frauen als Objekt für ihre Begierden. Geht eine Frau auf die sexuellen Wünsche eines Mannes ein, ist sie unemanzipiert. Hat sie gar eigene Wünsche, so sind diese vom Patriarchat vermittelt worden wenn sie nicht politisch korrekt sind. Wenn etwas positives gesagt wird, dann nur wie wunderbar magisch die weibliche Sexualität doch sei. Selbstverständlich ohne weitere Ausführungen, denn das wäre Pornographisch. Eine Foristin verlangt sogar, Artikel mit sexuellen Inhalten aus der Wikipedia zu verbannen. Lustfeindlich? Aber neeein, wir doch nicht...wie kommt man denn darauf? Wir wollen nur dass alle sich unseren beschränkten Vorlieben anpassen. Denn nur diese sind echte Lust, alles andere ist Verrohung/pervers/unnötig!

Emmas Leitsatz "Gegen Prostitution- in Solidarität mit den Prostituierten" erscheint als blanker Hohn.

Kommentare:

Klaus W. hat gesagt…

Treffend formuliert!

In der selben EMMA beklagt sich Schwarzer übrigens darüber, dass sie "Keinen Bock auf Spaltung" habe. (Junge Feministinnen versus Altfeministinnen). Merken die EMMA-Frauen denn nicht, dass sie die Freiheit von Frauen selbst massiv beschränken (wollen)?

Sina hat gesagt…

Danke. Ich glaube, die merken das sehr wohl.. aber es wird kein Wert auf Freiheitsrechte gelegt, wenn diese nicht ihrer Ideologie dienen. Freiheit geht nur so weit bis sie sich vom persönlichen Lebensstil anderer bedroht fühlen oder diesen nicht verstehen.

Goldschwanz hat gesagt…

Danke Sina für deinen treffenden Kommentar. Ich bin dir wirklich dankbar, ich dachte schon seit über einer Woche darüber nach, darauf zu antworten. Einfach super, danke, und jetzt schicke es bitte an die Emma-Redaktion mit der Bitte um Veröffentlichung. Es ist einfach zu richtig und schade, wenn sie nicht davon Kenntnis nähmen. Also nochmals meinen Dank an dich. liebe grüsse
ariane

Sina hat gesagt…

Liebe Ariane,

Ich habe ehrlich gesagt keine Lust mich nochmals in die Höhle der Hyänen zu begeben. Das letzte Mal als ich dies gewagt habe wurde ich als "egoistische Nutte" beschimpft, und Aussagen wie die in meinem aktuellen Post wurden Zensiert weil sie "trollig" seien (also nicht der eigenen Meinung entsprechen?!). Wenn du sie aber auf diesen Text hinweisen willst, darfst du dies natürlich gerne tun. Liebe Grüsse, Sina

Goldschwanz hat gesagt…

Eine Frechheit, solch eine Beschimpfung und fiese Unterstellung. Auf solch einem Niveau lässt sich mit denen wahrlich nicht diskutieren. Ich probiere es trotzdem mal. liebe grüsse Ariane

Charlotte Sometimes hat gesagt…

Das Problem der Emma und ihren Schreiberinen ist, dass sie einerseits Probleme mit der Unterdrückung der Frau haben (was sehr richtig ist) aber das Mittel zur Lösung darin sehen, eben jenen Frauen ihr eigenes Weltbild aufzuzwingen.
Ein Widerspruch ist für sie nicht erkennbar.
Dazu dient etwa die Burkadiskussion perfekt. Es scheint furchtbar zu sein, dass Frauen zur Verhüllung gezwungen werden (sobald sie das werden, ist das richtig), jedoch scheint es in Ordnung zu sein, sie zu zwingen, dies nicht zu tun.

Sina hat gesagt…

@Charlotte: Schön, wieder mal einen Kommentar von dir zu lesen. Ich verstehe auch nicht, wie man sich so ein Weltbild basteln kann.
Sollte noch angemerkt werden dass die Emma selbst sich so wie ich es gelesen habe keinesfalls als liberal versteht, die Freiheiten des Individuums stehen nicht im Vordergrund.

"Freiheit" wird oftmals verächtlich als etwas trügerisches bezeichnet, etwas das missbraucht wird um "anything goes" zu rechtfertigen. Wir seien in Wahrheit schon so sozialisiert, dass eine Freie Wahl gar keine ist. Fragt sich nur, wer dann das Recht hat zu bestimmen, welche Wahl denn akzeptabel ist...selbstverständlich die Radikalfeministische Zentralregierung, als Vertreterin des Frauenkollektivs.