Freitag, 4. Oktober 2013

Ausnutzung von Notlagen durch Missionare

Ich glaube nicht, dass alle Beratungs- und Hilfsorganisationen mit kirchlichem oder sonstig religiösem Hintergrund inkompetent sind und hilfesuchenden Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern schaden. Es gibt einige positive Beispiele, in denen nicht versucht wird mit Sünden-Rhetorik  zum Ausstieg zu bewegen, sondern das Zuhören,  Respekt vor den Bedürfnissen von Hilfesuchenden und echte, vorurteilsfreie Nächstenliebe an erster Stelle steht.

Es gibt jedoch auch zahlreiche Negativbeispiele. Eines davon hier:

http://www.zentralplus.ch/de/news/gesellschaft/28478/Missionare-auf-Luzerns-Strassenstrich-aktiv.htm?st-body=1

Missionare auf Luzerns Strassenstrich aktiv

«Ich habe Sexarbeiterinnen auf dem Strassenstrich besucht, um mich davon zu überzeugen, dass es in Luzern keine Opfer von Menschenhandel gibt. Es ist jedoch offensichtlich, dass auch hier Opfer von Menschenhandel leben und arbeiten», sagt Claudine Tanner aus Malters. 25 Jahre alt ist die kaufmännische Angestellte und seit November 2012 nimmt sie regelmässig Kontakt mit Prostituierten auf. Jede zweite Woche besucht sie diese auf dem Strassenstrich oder bei ihnen zuhause.

Vereinsziel: Ausstieg aus dem Milieu

Claudine Tanner tut dies für den Verein «bLOVEd», der im August 2013 gegründet wurde. Die Exponenten gehören teilweise der überkonfessionellen Freikirche ICF Luzern sowie dem Christlichen Zentrum Zollhaus Emmenbrücke an.
Doch will ein Verein, der gerade mal sieben Mitglieder zählt, tatsächlich gegen ein Business aktiv werden, das zum ältesten Gewerbe der Welt gehört und seit über 2000 Jahren existiert? «Unser Ziel ist, die Frauen und Männer aus dem Sexmilieu heraus zu holen», sagt Claudine Tanner. Ist das nicht illusorisch? «Nein. Wir haben es zwar bisher nicht geschafft. Vielleicht geht es vor allem darum, dass wir zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sind», hofft Tanner weiter.
Motivation zieht sie unter anderem aus einem Beispiel vom Zürcher Strassenstrich. Hier konnte eine Frau, die nach ihren Angaben unfreiwillig im Sexgewerbe gelandet sei, zurück nach Ungarn begleitet werden. Die Luzernerin hofft, bald einen ähnlichen Erfolg in Luzern erzielen zu können.

Massive Kritik von Fachstelle

Dass sich Anhänger von Freikirchen auf dem Strassenstrich engagieren, beurteilt Jaqueline Suter von Xenia Bern als falsch. «Sie besitzen nicht die nötige Kompetenz. Solche Einsätze machen aus meiner Sicht absolut keinen Sinn», sagt Suter, die seit 16 Jahren für Xenia Bern tätig ist. Die Fachstelle berät Frauen und Männer, die im Sexgewerbe tätig sind. Suter kennt die Anliegen der Missionare und weiss: «Sie kümmern sich nicht um die Rechtslage und vermitteln ein total falsches Bild.» Freikirchen gingen davon davon aus, dass alle Frauen im Sexgewerbe Opfer von Frauenhandel seien und gerettet werden müssten. «Das ist unprofessionell, unsensibel und sehr plakativ», so Suter.
Eine Schuldzuweisung bringe den Sexarbeiterinnen nichts. «Die Frauen und Männer, die im Sexmilieu arbeiten, fühlen sich schon genügend schuldig. Mit ihren Einsätzen fügen die Missionare den Betroffenen nur noch mehr Schaden zu», urteilt die 49-Jährige.

Fälle von Menschenhandel in Luzern

Auch die Luzerner Polizei sieht das von den Freikirchen gezeichnete Bild differenzierter.  «Dass es auch bei uns Opfer von Menschenhandel gibt, ist unbestritten. Es ist aber sicher nicht so, dass jede Frau ein Opfer ist», glaubt Simon Steger von der Kriminalpolizei Luzern. «Es gibt durchaus Frauen, die im Sexgewerbe arbeiten und das freiwillig tun, weil sie dabei viel Geld verdienen können», erklärt der 37-jährige Spezialist für Menschenhandel.
Die Luzerner Polizei führe zwar immer wieder Verfahren wegen Opfer von Menschenhandel durch. «Bis jetzt haben aber die meisten dieser Opfer in den Salons und Clubs und nicht auf dem Strassenstrich gearbeitet.» Die Luzerner Polizei habe deshalb eine Stelle geschaffen, bei der sich die Mitarbeiter hauptsächlich um dieses Deliktsfeld kümmern.

Mangelndes Angebot «ein Skandal»

Dies alleine genügt Xenix nicht. Jaqueline Suter finde es «einen Skandal», dass es in Luzern bisher kein professionelles Angebot für Prostituierte gibt. Denn es sei auch die Aufgabe solcher Fachstellen, Fragen rund um die Religion abzuklären und dort zu unterstützen. Dies beinhalte auch die Vermittlung an die Landeskirchen, wo professionell seelsorgerisch ausgebildete Menschen arbeiten. Suter ist überzeugt: «Die Missionare missbrauchen die Abhängigkeit und die Notsituation, in der sich die Frauen und Männer befinden, für ihre persönlichen Zwecke. Sie nehmen ihnen den letzten Glauben an sich selber.»
Viele der Sexarbeiterinnen seien religiös und würden sich dadurch schon in einem psychologischen Dilemma befinden. «Dann zu hören, dass dir Gott hilft, ist keineswegs hilfreich. Damit werden keine Mieten bezahlt und keine Familien ernährt. Für mich stellt das ganz klar eine Ausnützung der Notlage dar

Ewiges Leben - aber nur für Gläubige

 Dem widerspricht Claudine Tanner. «Wir möchten den Prostituierten ein Stück Würde zurückgeben.» Jedes der sieben Vereinsmitglieder sei «sehr gläubig» und handle vor allem aus Nächstenliebe. «Wir staunen immer wieder, wie viele Sexarbeiterinnen gläubig sind. Sobald wir mit ihnen über den Glauben reden, sind sie offen. Wir beten zusammen mit den Prostituierten dafür, dass sie ein besseres Leben führen können oder dass es ihren Familien gut geht.» Und sie ist überzeugt, dass Gott nach dem Tod über jeden Menschen richten werde. «Diejenigen, die an Gott glauben, werden befreit und das ewige Leben geschenkt bekommen.»
Und Tanner berichtet, dass sie in den knapp zehn Monaten «schöne und krasse Situationen» erlebt habe. Die 25-Jährige erzählt von einem Transsexuellen, der unter starkem Einfluss von Alkohol völlig ausgerastet ist: «Er war verzweifelt, weil er an diesem Abend keine Kunden hatte. Er sagte, dass er von seinem Freier geschlagen werde, wenn er kein Geld heimbringen würde. Wir haben mitten in der Nacht versucht, ihn zu einer Vermittlungsstelle oder einer Opferbetreuung zu bringen.» Man habe bei der Polizei und beim Kantonsspital angerufen. «Wir haben keine Hilfe bekommen, niemand war zuständig. Wir mussten ihn zurück lassen. Das war sehr frustrierend.»

Luzerner Polizei: «Nicht jede Frau ist Opfer»

Simon Steger von der Kriminalpolizei Luzern sagt zu diesem Vorwurf: «Grundsätzlich gehen wir jeder Meldung nach, wenn dahinter eine Straftat stecken könnte. Doch wenn nichts Strafrechtliches im Vordergrund steht, sind uns die Hände gebunden.»
Für Claudine Tanner ist trotzdem klar: Aufgeben und die Sache an den Nagel hängen will sie nicht. Vielmehr fordert sie, dass Prostitution und Pornographie weltweit verboten werden müssten. Für Simon Steger ist ein Verbot keine Lösung. «Es ist das älteste Gewerbe der Welt, das sagt doch schon alles. Es ist  trügerisch zu glauben, dass man die Zwangs-Prostitution mit einem Verbot verbannen kann. Damit würden die Frauen noch mehr in die Illegalität gezwungen. Ob es ihnen so besser gehen würde, ist fraglich

«Ein Missbrauch»

Auch für Jaqueline Suter von Xenia Bern steht fest: «Ein Verbot würde nichts Positives bewirken. Damit würde man den Sexarbeiterinnen noch den letzten kleinen rechtlichen Status, den sie besitzen, wegnehmen. Dadurch würden sie noch mehr ausgebeutet werden.»
Gleichzeitig wünscht sich die 49-Jährige, dass sich die Missionare vom Strassenstrich zurückziehen. «Sie sollen in der Allgemeinbevölkerung missionieren. Nicht dort, wo die Menschen geschwächt sind und wenig Selbstbewusstsein haben.» Es bestehe die Gefahr, dass dadurch die Arbeit der Fachstellen behindert und der Kontakt zu den Frauen und Männern im Sexgewerbe erschwert würden. In Biel und Thun seien die Beraterinnen von Xenia auch schon vor verschlossenen Türen gestanden, wenn sie einen Salon besuchen sollten. « Den Mitgliedern von bLOEVd geht es gar nicht um eine Hilfestellung. Sie wollen einfach missionieren und möglichst viele Schafe retten.»

Nachtrag vom 29.12.: Mission Freedom ist ein weiteres Beispiel für eine schädliche christliche "Hilfs"organisation. Opfer von Menschenhandel, denen Mission Freedom angeblich geholfen hat, werden in Filmen vorgeführt, wodurch ihre Sicherheit gefährdet wird. Gemäss einem Bürgerschaftsabgeordneten mussten betroffene Frauen ihr Handy abgeben und durften nicht mehr weltliche Musik hören. Die Organisation schliesst Betreuungsverträge mit den Opfern ab, in denen "gegenseitige Erwartungen und Verpflichtungen geklärt werden". Worin diese Erwartungen bestehen, konnten die Journalisten nicht herausfinden. Fest steht jedoch, dass jegliche Erwartungshaltungen an Opfer von Menschenhandel völlig fehl am Platz sind und nur bei unseriösen "sozialen" Organisationen anzutreffen sind. Typischerweise bestehen solche Erwartungen darin, dass das Opfer nicht als Sexarbeiterin ihren Lebensunterhalt bestreiten darf (ich weiss nicht, ob dies hier der Fall ist, aber halte es für sehr wahrscheinlich). Hilfe in Notsituationen wird also davon abhängig gemacht, dass ein Menschenhandelsopfer nicht gleichzeitig Sexarbeiterin sein darf. Hier kommt das falsche Bild vom "perfekten Opfer" zu tragen: Hilfswürdig ist nur, wer unfreiwillig Sex gegen Geld anbieten musste oder bereit ist, auszusteigen und somit "geläutert" ist. Dies zeigte sich unter Anderem im tragischen Fall von Yasmin, wo die schwedischen Behörden nicht bereit waren Schutzmassnahmen gegen einen gewalttätigen Ex-Ehemann zu ergreifen, weil das Opfer Sexarbeiterin war. Sie hätte zuerst ihr "echtes Problem" (d.h. die Sexarbeit) erkennen müssen, um Hilfe zu erhalten, was sie als selbstbestimmte, zufriedene Sexarbeiterin jedoch nicht tat.

Samstag, 21. September 2013

Weitere Auswüchse des "progressiven" schwedischen Modells: Rassistische Diskriminierung

Hier ein weiteres Beispiel dafür, weshalb das schwedische Modell schädlich ist. Diesmal nicht nur gegenüber Sexarbeiterinnen, sondern gegen ausländisch aussehende Frauen.

http://www.thelocal.se/50200/20130912/

"A pub in south central Sweden has been cleared of discrimination charges after bouncers denied entry to several women of Asian appearance in what owners claimed was an attempt to cut down on Prostitution."

Im Kampf gegen Sexarbeit und Menschenhandel werden die Rechte von Sexarbeiterinnen gerne als Kollateralschaden akzeptiert. Nun wird die rassistische Diskriminierung nicht-kaukasischer Frauen damit gerechtfertigt. Vielleicht werden solche Diskriminierungen bald auf Kondom-mitführende, sexy gekleidete weisse Frauen ausgeweitet. Oder auf Frauen im Allgemeinen, welche nicht in Begleitung ihres männlichen Vormundes sind.

Donnerstag, 18. Juli 2013

Protest-End Violence Against Sex Workers

Morgen wird in Städten rund um die Welt vor den Schwedischen und Türkischen Botschaften gegen Gewalt an Sexarbeiter/innen protestiert- besonders gegen die strukturelle Gewalt, welche Sexworker zur Menschen zweiter Klasse degradieren will und dadurch direkte Gewalt begünstigt. Mehr Infos dazu hier:

http://jasmineanddora.wordpress.com/

Kurzfassung von Menschenhandel Heute, worum es geht:
 
"Eve Marie, oder Jasmine Petite, wie sie sich als Sexarbeiterin nannte, eine schwedische Sexarbeiterin, Sexarbeit-Aktivistin und Board Member der schwedischen Sex Workers’ Rights Organisation Rose Alliance, wurde vor einigen Tagen von ihrem Ex-Ehemann brutal umgebracht. Sie lag im jahrelangen Streit um das Sorgerecht mit ihm über die gemeinsamen Kinder. Das Sorgerecht wurde durch die Behörden dem gewalttätigen Ehemann zugesprochen, da sie als Sexarbeiterin als nicht geeignet galt. Obwohl sie wiederholt versucht haben soll, Anzeige wegen häuslicher Gewalt und Übergriffen gegen ihn zu erstatten, habe man ihre Hilferufe ignoriert – sie sei ja schließlich eine Sexarbeiterin. 
Dora, eine transsexuelle Sexarbeiterin wurde in der Türkei ermordet. Berichten zufolge handelt es sich um ein weiteres, trauriges Anzeichen für die zunehmende transphobe Gewalt in der Türkei. LGBT-Organisation, darunter auch Transgender Europe, fordern einen stärkeren Eingriff gegen transphobe Gewalt, die manche mit einem “Massaker” vergleichen."

Samstag, 13. Juli 2013

Weshalb Kundenbestrafung für Sexarbeiterinnen schädlich ist.

In Diskussionen um die Kriminalisierung des Kaufs sexueller Dienstleistungen wird oft eingewendet, dass Sexarbeiterinnen (denn um männliche geht es so gut wie nie)  dadurch weniger Schutz haben und weiter "in den Untergrund" getrieben werden. Vielen Befürwortern solcher Regelungen scheint nicht klar zu sein was damit gemeint ist, deshalb möchte ich hier näher darauf eingehen.

Wenn man annimmt dass die Polizei das Verbot tatsächlich durchsetzen will, wird sie versuchen möglichst viele Kunden zu erwischen. Dies geht natürlich am einfachsten, indem man Sexarbeiterinnen ausfindig macht und sie regelmässig bei ihrer Arbeit stört. Sexarbeiterinnen sind auf ihr Einkommen angewiesen. Wenn nun eine Sexarbeiterin vergewaltigt oder sonst wie von Kunden misshandelt wird, wird sie es ich gut überlegen zur Polizei zu gehen,
denn dann gerät sie auf den Radar der Sittenpolizei. Sie muss in erster Linie um ihr Einkommen und ihre Ruhe fürchten, aber auch um ihre Kinder, denn die Jugendschutzbehörden Schwedens sehen gar nicht gerne sexarbeitende Mütter. Auch ihr Partner steht unter dem Verdacht ein Zuhälter zu sein. Vielleicht wird sie sogar auf die Strasse gestellt, denn eine Sexarbeiterin zu beherbergen kann u.U. als Zuhälterei gelten.

Die halbe Kriminalisierung stigmatisiert auch die "straflose" Anbieterin, oder zumindest wird die ent-stigmatisierung weitgehend verhindert. Sexarbeiterinnen werden weiterhin wie Kriminelle behandelt, auch wenn sie nicht mit Gefängnis oder Busse bedroht sind.

Hier ein Beispiel dafür wie Sexarbeiterinnen in Schweden behandelt werden, mit einem besonders traurigen Ausgang:

"Our board member, fierce activist and friend Petite Jasmine got brutually murdered yesterday (11 July 2013). Several years ago she lost custody of her children as she was considered to be an unfit parent due to being a sex worker. The children were placed with their father regardless of him being abusive towards Jasmine. They told her she didn't know what was good for her and that she was "romantisizing" prostitution, they said she lacked insight and didn't realise sex work was a form of self-harm. He threatened and stalked her on numerous occations, she was never offered any protection. She fought the system through four trials and had finally started seeing her children again. Yesterday the father of her children killed her. She always said "Even if I can't get my kids back I will make sure this never happens to any other sex worker". We will continue her fight. Justice for Jasmine!" (Meldung der Sexworker-Vereinigung Rose Alliance)
 
 
"Those opposed to sex work have constructed a narrative that only allows sex workers to parrot theory, be good little puppets who trot out the party line like defendants at a Stalin era Russianshow trial and then the doors of rape crisis centers, domestic refuges and conferences open wide to you. Dare to say no, I have choices and I choose sex work, but this bad thing happened to me because bad things can happen to anyone and you are “romantacising sex work”
 
 
Dies ist gleichzeitig ein Beispiel dafür, wie "unperfekten Opfern" kein Schutz gewährt wird. Um geschützt zu werden, muss man eine reuige Sünderin sein- nur diesmal uminterpretiert in ein reuiges Opfer.
 
Weiterhin sind Sexarbeiterinnen massiver Belästigung durch Polizisten ausgesetzt. Hier ein früher schonmal verlinkter Artikel, nach dem eine Sexarbeiterin in Schweden von ihrer Schule verbannt wurde, weil sie zu ihrer Arbeit stand. Maggie McNeills Kommentar dazu:
 
"Swedish “feminists” pretend to care so very much for sex workers that they’re willing to destroy our lives to “save” us from imaginary “degradation”; selling sex is not illegal, but if a sex worker dares to speak openly about her choice she will be punished in many ways other than imprisonment, such as by expulsion, eviction, police harassment and more."

Nachtrag vom 16.7.2013: Noch ein wichtiger Punkt den ich vergessen habe ist, dass die Kundenkriminalisierung meistens mit einem Bordellverbot einhergeht- d.h. mehr als eine arbeitende Frau pro Wohnung ist für die Mieterin strafbar. Eine Sexarbeiterin kann als "Zuhälterin" bestraft werden, falls sie ihre Arbeitswohnung an Kolleginnen untervermietet. Dies verhindert, dass Sexarbeiterinnen sich zusammentun, um gemeinsam sicherer und mit weniger Fixkosten arbeiten zu können.


Hier ein Interview mit der schwedischen Sexarbeiterin Pye Jacobsson zur Einstellung der Behörden gegenüber Sexarbeiterinnen: We want to save you! And if you don't appreciate it, we will punish you.

Bericht einer finnischen Sexarbeiterin, wie sie bei ihrer Geschäftsreise in Norwegen (wo auch Freierbestrafung herrscht) behandelt wurde: http://www.sexwork.net/forum/showthread.php?t=117523

Feminist Ire dazu:

Prohibitionist campaigners…portray Sweden’s stance on sex work as progressive, and assert that sex workers themselves are not targeted (…) They’re painted as victims to be pitied and rescued (…) but as with religion-cloaked homophobia, this distinction makes little difference to those on the receiving end (…) Police stake out sex workers’ homes and workplaces, clandestinely film them, and subject them to invasive searches.  Sex workers are often forced to testify in court, but have the rights of neither victim nor accused.

Kritikpunkte von Soziologin Laura Augustin zur staatlichen Evaluation der Kundenbestrafung in Schweden, welche schwerwiegende methodologische Fehler aufweist (es standen z.B. gar keine Daten zur Verfügung, um einen wirklichen Vergleich zwischen der Situation vor- und nach der Einführung vorzunehmen)  und das Gesetz trotzdem als einen "Erfolg" wertet.

Weitere Auswirkung von Kundenbestrafung, vom Center for Human Rights and Humanitarian Law:

"Sex workers report that criminalization of clients in Sweden has reinforced and increased the social
stigma about prostitution (Skarhed 2010, 34; Dodillet and Östergren 2011, 21). (...)
The Report (Anm.: Evaluierung der Kundenbestrafung durch den Staat) declares that the negative effects of stigma due to the law "must be viewed as positive from the perspective that the purpose of the law is indeed to combat prostitution" (Skarhed 2010, 34, emphasis supplied). In other words, the many harms of social stigma are, in fact, a positive outcome of the law because stigma may push women into other forms of work.

Nach der Logik der schwedischen Behörden ist also alles, was Sexarbeiterinnen Leid zufügt, "positiv" zu bewerten.

Dienstag, 9. Juli 2013

Sexarbeit als Gipfel der Selbstbestimmung

Ich habe nun schon öfter in der Netzwelt Beiträge gesehen, in denen der Mädchenmannschaft und einzelnen feministisch inspirierten Artikeln unterstellt wird, Sexarbeit als "Gipfel der Selbstbestimmung" darzustellen und sich einseitig mit "privilegierten" Sexarbeiterinnen zu befassen. Solche Vorwürfe lassen sich für mich nur dadurch erklären, dass man sich überhaupt nicht mit den Inhalten dieser Artikel befasst hat.

Ich möchte dafür die Beiträge zum Thema Sexarbeit anschauen, welche bei der Mädchenmannschaft im den letzten Jahren publiziert wurden- in der Hoffnung, dass dieser Artikel von wie oben kommentierenden Personen tatsächlich gelesen wird, anstatt nach dem Ausdruck "Sexarbeit" an Stelle von "Zwangsprostitutionausbeutungzwang" mental abzuschalten.

Die letzten Beiträge waren vor allem Verlinkungen zu diesen Kritiken am Spiegel-Artikel "Bordell Deutschland": http://courtisane.de/blog/?p=659
http://menschenhandelheute.net/2013/05/28/bordell-deutschland-journalismus-auf-lucke/

Ist es falsch, eine Sexarbeiterin zu Wort kommen zu lassen, wenn sie ihren Job mag? Deutet man damit an, alle Sexarbeiterinnen würden ihren Job aus purem Vergnügen machen? Ignoriert man Ausbeutung, wenn man unsachliche Artikel kritisiert?

In diesem Artikel geht es um Victim Blaming:
http://maedchenmannschaft.net/solidaritaet-und-unterstuetzung-auch-fuer-unperfekte-opfer/

"Sind sie Opfer von Menschenhandel geworden, gelten sie als „unschuldig“ und Hilfe ihnen gegenüber als moralische Pflicht. Haben sie sich jedoch scheinbar „freiwillig“ für die Sexarbeit entschieden (so freiwillig, wie Lohnarbeit eben sein kann), gilt ihr Lage als „selbst-“ oder zumindest „mitverschuldet“

Hier geht es um verschiedene Positionen zum Thema Sexarbeit:
http://maedchenmannschaft.net/sex-arbeitende-muetter/

"Wenn die Arbeitsbedingungen allein von Kapitalismus und Ausbeutung geprägt sind, ist die Arbeit wohl kaum selbstbestimmt und empowering. In anderen Kontexten jedoch ist sicherlich eine freie und befriedigende Arbeit möglich. Ich schliesse also mit einer Banalität: Sex-Arbeit ist nicht gleich Sex-Arbeit und sollte, wie alles, differenziert betrachtet werden."

Hier wird eine Kampagne, welche Menschenhandelsopfer zur sexuellen Ausbeutung als verpackte Fleischwaren darstellt, kritisiert:
http://maedchenmannschaft.net/frischfleisch-gegen-frauenhandel/

Hier wird gezeigt, dass Sexarbeiter/innen selbständig handelnde Individuen sind, welche für ihre Rechte eintreten können und denen man zuhören muss:
http://maedchenmannschaft.net/nicht-nur-opfer-sexarbeiter_innen/ ...bedeutet dies, dass es keinerlei Probleme in der Sexarbeit gibt, alles supidupi?

In diesem Artikel geht es um ein sexistisches Geschäftsumfeld, in welchem die Mitarbeiter mit Sexdienstleistungen belohnt werden: http://maedchenmannschaft.net/wenn-herr-kaiser-und-seine-freunde-mal-so-richtig-feiern/

Ich kann bei bestem Willen nicht erkennen, wo hier Prostitution durch eine rosa Brille gesehen wird.

Anzuerkennen, dass es nicht nur alle paar Lichtjahre Sexarbeiterinnen gibt die mit ihrem Job zufrieden sind, bedeutet nicht, Missstände zu ignorieren. Im Gegenteil- dadurch, dass positive Beispiele aufgezeigt werden, wird klar, dass schlechte Arbeitsbedingungen und Gewalt für Sexarbeiterinnen keinesweg zwangsläufiger Berufsalltag ist. Es gibt Alternativen zwischen (evtl. erzwungenem) Ausstieg/Armut und der Inkaufnahme von Ausbeutung- Verbesserungen in den Arbeitsbedingungen sind möglich. Zyniker/innen sagen nun, dass es für Sexarbeiterinnen keine Rolle spielt, ob arbeitsrechtliche Mindeststandards eingehalten werden und die Kunden respektvoll oder übergriffig sind, da Sexarbeit in jedem Fall eine Art Vergewaltigung darstellt. Diese Sicht ist nicht nur falsch- natürlich spielt es für uns eine Rolle, wie wir behandelt werden, ob privilegiert oder nicht- sondern auch schädigend, da das Vorurteil reproduziert wird, man könne Menschen, die sexuelle Dienstleistungen anbieten, durch die Inanspruchnahme dieser Dienstleistung kaufen. Schliesslich willigt sie ein, "vergewaltigt" zu werden- was spielt es denn da noch für eine Rolle, ob man ihre Grenzen respektiert und sie freundlich behandelt?

Missstände in der Sexarbeit müssen angesprochen und bekämpft werden. Dafür ist es jedoch nicht notwendig, Sexarbeiterinnen in prekären Situationen als durchwegs hilflose, naive Opfer, die "innerlich tot" sind und deshalb keine Entscheidungen treffen können, darzustellen. Eine solche Darstellung reproduziert nur die Stigmatisierung von Sexarbeiterinnen, und übt Druck auf sie aus, Missstände zu verschweigen, um in der Öffentlichkeit nicht als Opfer bevormundet zu werden. Die Realität ist wohl, dass viele Sexarbeiterinnen aufgrund von begrenzten Optionen dieser Tätigkeit nachgehen und unter finanziellem Druck stehen. Dies bedeutet nicht, dass sie nicht rational handelnde Individuen sind, welche die bestmögliche Option für sich auswählen- auch wenn diese Option alles andere als ideal sein mag. Sexarbeiterinnen agency zuzugestehen bedeutet nicht, Sexarbeit als Gipfel der Selbstbestimmung darzustellen.

In der Diskussion um Sexarbeit werden oft zwei unterschiedliche Fragen miteinander vermischt- einerseits, ob Sexarbeit legitim ist, andererseits ob Prostituierte Spass an ihrem Job haben. Die finanzielle Motivation der meisten Sexarbeiterinnen wird manchmal als Vorwand genommen, um ihnen selbständiges Handeln abzusprechen und die Bekämpfung von Prostitution zu fordern. Man kann Sexarbeit natürlich aus der Perspektive kritisieren, dass etwas, das man idealerweise aus purer Lust macht, hier als (oft einseitige) Geld-gegen-Sex Transaktion vorgenommen wird. Wenn es jedoch darum geht, was Sexarbeiterinnen wollen und brauchen, wie man sie behandelt und bewertet, dann sollte man nicht aus dem Utopia herab argumentieren, sondern aus der Realität. Diese Realität beinhaltet Wohlstandsgefälle zwischen Staaten, demographischen Schichten und Geschlechtern, und Menschen, die versuchen aus ihrer zum Teil prekären Situation das Beste zu machen. Sie sollten dafür nicht bemitleidet und stigmatisiert, sondern anerkannt und, soweit erwünscht, unterstützt werden. Sexarbeit zu verteufeln nützt gerade denjenigen Personen, welche aufgrund von finanzieller Not kaum Verhandlungsmacht haben, am allerwenigsten.

Mittwoch, 19. Juni 2013

Armut schafft Ausbeutung

Nochmals die tatsächlichen Gründe, weshalb es in der Erotikbranche Ausbeutung und Menschenhandel gibt. Und was man dagegen tun kann, wenn man wirklich an einer Besserung für die Betroffenen und nicht nur an Repression von Sexarbeit interessiert ist:

http://www.rhein-zeitung.de/nachrichten/von-unserer-korrespondentin-in-berlin_artikel,-Kuenast-Prostitution-boomt-wegen-Armut-in-Europa-_arid,611629.html

"Grünen-Fraktionschefin Renate Künast verteidigt das rot-grüne Prostitutionsgesetz von 2002.

dpa: Ist Deutschland wirklich das "Bordell Europas?"

Glauben Sie das im Ernst? Ich nicht. Es gibt nicht einmal verlässliche Zahlen. Im Übrigen finde ich diesen Begriff derart unter Niveau, dass es mir die Sprache verschlägt. Jeder weiß doch, dass es so nicht ist.

Viele Experten sind aber der Ansicht, dass das Prostitutionsgesetz von Rot-Grün von 2002 Zwangsprostitution und Menschenhandel befördert hat. Würden Sie das Gesetz noch einmal so beschließen?

Die These ist falsch. Es gibt dazu keine Belege. Das ist aus meiner Sicht eine Kampfthese von einigen, die etwas anderes völlig ausblenden. Wir haben eine Situation von Armut in Bulgarien und Rumänien, die Wanderungen auslöst. Freizügigkeit gilt nicht nur für die Reichen und Schönen, sondern für alle Menschen, auch für die Armen und Perspektivlosen. Das ist es, was zu einer Zunahme der Prostitution geführt hat. Aber sicher nicht unsere rechtlichen Regelungen.

War das Gesetz also genau richtig?

Wir hätten das Gesetz damals gern ausgeweitet. Wir wollten Prostitution schon damals als Gewerbe definieren. Das wollten die Bundesländer nicht, weil sie es hätten umsetzen müssen. Seit Jahren hat die Koalition nun Zeit, die EU-Richtlinie gegen Menschenhandel und für besseren Opferschutz umzusetzen. Was sie jetzt vorgelegt haben, ist auch sehr dürftig.

Die Grünen haben aber damals gar nichts falsch gemacht?

Die Länder wollten nicht weitergehen. Das ändert aber nichts daran, dass die Frauen vor dem Gesetz eine Dienstleistung erbracht haben, die sie zivilrechtlich nicht einklagen konnten und die als sittenwidrig galt. Das haben wir geändert, damit sie sich sozialversicherungsrechtlich absichern können. Die Frauen können auch ihr Geld einfordern. Ich stehe zu dem Gesetz.

Kritiker behaupten aber, dass durch die Anerkennung des Berufs keine Kontrollen möglich sind.

Mit der Problemlage heute hat unser Gesetz nichts zu tun! Sie ist durch Armutsmigration ausgelöst und dadurch, dass man bei der Gewerbeaufsicht nicht den nächsten Schritt gegangen ist, dass wir im Strafrecht zu wenig Zeugenschutz haben, dass es kein Bleiberecht für die Zeuginnen gibt. Wenn die Frauen aussagen, werden sie bedroht und unter Druck gesetzt. Der Staat gibt bisher keine Sicherheit für die Durchführung des Strafverfahrens."

Freitag, 7. Juni 2013

Wie Behörden Menschenhandelsopfer behandeln

Zur aktuellen Spiegel-Diskussion haben die Forscher Matthias Lehmann und Sonja Dolinsek einen Artikel geschrieben, der die Lage von Menschenhandelsopfern beleuchtet. Der Spiegel-Artikel propagiert Repression und Verurteilung von Tätern ohne die Aussagen der Opfer, was Rechtsstaatlich höchst bedenklich ist. Wie die Betroffenen durch Behörden behandelt werden, kommt nirgends zur Sprache. Dabei ist es hier, wo man ansetzen müsste. In Deutschland ist Prostitution in vielen Bundesländern de-facto illegal, da man es nur zu beschränkten Zeiten und an beschränkten Orten ausüben kann. Die Regeln dafür sind sehr unübersichtlich, und manchmal wissen nicht einmal die Behörden selber was gilt. Es besteht grosse Rechtsunsicherheit. Verstösse gegen diese Sittenregeln werden trotzdem mit Bussen und Strafregistereinträgen sanktioniert. Die Polizei tritt somit Sexarbeiterinnen meistens nicht als "Freund und Helfer" gegenüber, sondern als Kontrollinstanz, manchmal freundlich, manchmal aber auch schikanierend und psychisch missbrauchend.

Gerade für illegal Anwesende Sexarbeiter/innen aus Drittstaaten ist die Polizei eine Bedrohung, da sie abgeschoben werden könnten. Einige von ihnen haben vielleicht schon traumatisierende Razzien erlebt. Wenn diese Frauen nun Opfer von Ausbeutung werden, werden sie sich nicht an die Polizei wenden. Im Gegensatz zum propagierten Klischee wollen viele migrantische Sexarbeiterinnen, welche Gewalt erfahren haben, nicht in ihr Heimatland zurück. Die wenigsten Betroffenen sind wie im Film verschleppt worden, viele kommen im Wissen um ihre Tätigkeit hierher und erleben im Anschluss darauf Ausbeutung. Die Behörden haben für sie als "Rettung" aber nur Abschiebung und Re-Traumatisierung bereit.

Hier ein Ausschnitt des Artikels:

So, where is the real problem?

DER SPIEGEL’s greatest omissions are victim protection and victims’ rights when it comes to human trafficking. A narrow focus on the prostitution law and sex work prevents the authors from dwelling into the more complex web of legal regulations that make the prosecution of cases of human trafficking difficult in Germany.

First, human trafficking cases are dependent upon the testimony of victims. If they are for some reason unwilling to cooperate with the police and do not wish to testify, their cases will most likely fall apart. Furthermore, psychological support for victims of human trafficking is very limited. In many cases police officers and investigators expect linear and consistent narratives from victims from the very beginning, and utterly fail taking into account any traumas they may have endured just moments before. Victims are therefore not only forced to narrate their experiences over and over again, while their traumas are well and alive, but will also have their credibility judged and refuted as potential witnesses, if for some reason their stories show inconsistencies.

Before we talk about the prostitution law, let’s talk about how (potential) victims of human trafficking are treated once encountered by the police, and let’s talk about how those practices may in fact reduce to a minimum the willingness to testify.
Second, most victims of human trafficking who are third country nationals or from Romania or Bulgaria are repatriated to their home countries after their testimony. If they do not testify or cooperate with the authorities at all, they will be deported immediately after a reflection period of three months. Many decry the unwillingness of victims to testify as one central reason for the failure of trafficking prosecution. So far, however, little has been done to encourage testimony and cooperation by strengthening victims’ rights. What DER SPIEGEL fails to understand is that a reform of the prostitution law would have no impact on this aspect whatsoever. By focusing on the victims, the authors risk tapping into a dangerous rhetoric of victim blaming, and thus miss how not the prostitution law but the German immigration law actually contributes to much of the vulnerability of migrant women who are victimized. Germany should rather look towards Italy, where victims of human trafficking are unconditionally granted a residency permit and can begin re-building their lives."

Dienstag, 28. Mai 2013

Spiegel: Unethische Berichterstattung zum Thema Sexarbeit

Ich habe im aktuellen Spiegel den Artikel "Wie der Staat Frauenhandel fördert" (noch nicht online erhältlich) gelesen und bin sehr, sehr enttäuscht. Beim Titel hatte ich für eine sekunde die Hoffnung, dass der Fokus auf restriktiven Aufenthaltsgesetzen, Repression welche jegliches Vertrauensverhältnis zwischen verletzlichen Sexarbeiterinnen und der Polizei verunmöglicht, so wie Massnahmen, welche selbständiges Arbeiten erschweren, liegen könnte. Weit gefehlt. Was eine bitterst nötige seriöse Auseinandersetzung mit Fakten hätte werden können, stellt sich als eine Art Betroffenheitsporno heraus, welcher Stimmung für die kommenden repressiven Vorstösse gegen Sexarbeit macht. Mit tragischen Einzelschicksalen wird emotionalisiert, längst widerlegte Aussagen ad-nauseum wiederholt.

Wie schon im Cicero-Dossier wird versucht den Anschein von Ausgewogenheit zu erwecken indem auch die Sexarbeiterin Carmen interviewt wird. Ihre Bedingungen für die Teilnahme am Interview wurden aber missachtet, hier ihre Stellungnahme dazu: Wenn, dann schreibt über meine politische Arbeit..
Im Artikel wurde mit voller Absicht ein Bild von ihr als privilegierte, naive Minderheit dargestellt, deren Interessen im Gegensatz zur implizierten Mehrheit der Menschenhandelsopfer steht. Auf ihre Argumente, für deren Publizierung sie überhaupt einem Interview zustimmte, wird kaum eingegangen, stattdessen haben wir wieder eine typische Spiegel- "Reportage", wo der Text einen belächelnden, voyeuristischen Ton annimmt, von welchem die Journalisten wohl meinen es sei "Kritisch und mit Biss".

Lest bitte diesen Text auf Menschenhandel Heute, der den Artikel und die gelinde gesagt problematischen Aussagen darin ausführlich behandelt und insbesondere auf diejenigen Erkenntnisse hinweist, welche im Spiegel-Artikel "vergessen" gegangen sind. Dazu gehört zb. die Auskunft des Bundesministeriums, nach welcher die Statistik für Menschenhandel rückläufig ist so wie die Tatsache, dass Zuhälterei immer noch strafbar ist, während im Artikel immer so getan wird als ob "Förderung der Prostitution" (wozu zb. Einstiegsberatung von Sozialarbeitern für möglichst sicheres Arbeiten gehören) das gleiche wie Zuhälterei sei.

Sexworkerin Undine hatte im Vorfeld ihre Hilfe für eine sachliche, seriöse Berichterstattung angeboten, worauf Spiegel aber nicht reagierte. Folgend ein Ausschnitt aus ihrer Stellungnahme:

"Als ich vor einigen Wochen Wind von den Recherchen bekam und mir die Suggestivfragen, mit denen die Beratungsstellen penentriert wurden, zugetragen wurden (Tenor: Das macht doch sowieso keine freiwillig), versuchte ich mehrfach und vergeblich, die zuständigen Journalisten und später deren Vorgesetze zu kontaktieren, um ihnen im Sinne einer ausgewogenen Berichterstattung für ein Interview zur Verfügung zu stehen. Das Interesse war gleich null, ich bekam nicht einmal eine Antwort auf meine e-mails. Im Nachhinein betrachtet war das auch vermutlich besser so – welche Unverschämtheit aus dem Interview der Kollegin Carmen aus Berlin gemacht wurde, berichtet sie eloquent in ihrem Blog."

und weiter ihre sehr treffende Beobachtung: "Natürlich wird der verschleppten Rumänin lediglich das politisch engagierte und kulturell gebildete Studentinnen-Escort entgegengestellt, um sie im gleichen Atemzug als wunderliche Exotin abzuwerten. Im Artikel kein Wort über die Masse an Huren, für die es ein Job ist, der je nach Arbeitsplatz, Kolleginnen und Kundenkreis den einen Tag angenehm und lukrativ und den anderen auch mal nervig ist. Klar – mit der unspektakulären Wahrheit lässt sich keine Auflage machen." ...etwas, das in fast jeder vermeintlich "ausgewogenen" Berichterstattung zum Thema Prostitution auffällt.


Besonders schwer wiegt auch, dass mit keinem Wort auf Best-Practices-Empfehlungen von seriösen Menschenhandels- und Sexarbeitsfachstellen eingegangen wird. Dies kann man auch im bereits oben verlinkten Menschenhandel-Heute-Beitrag lesen:

"Völlig vergessen haben die Autor_innen des Spiegel auch die wichtige Arbeit der Beratungsstellen gegen Menschen- und Frauenhandel – zumindest jene in Deutschland, wie z.B. den bundesweiten Koordinierungskreis gegen Frauenhandel und Gewalt an Frauen im Migrationsprozess (KOK e.V.)."

Dafür verlinke ich hier den Rundbrief der Schweizer Fachstelle für Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ), welchen ich gerade den Spiegel-Autoren und Emma-Leserinnen dringendst empfehle.

Last but not least die Kritik von Dona Carmen am Spiegel-Artikel.

Nachtrag: Der nächste Post, "Wie Behörden Menschenhandelsopfer behandeln", betrifft auch den Spiegel-Artikel. Er zeigt, wo die wirklichen Probleme bei der Bekämpfung von Menschenhandel und Ausbeutung liegen (einen Teil davon habe ich im ersten Abschnitt dieses Posts schon angesprochen).

Sonntag, 26. Mai 2013

Schweizer Erotikbranche

Ich habe gerade diesen ausserordentlich guten Artikel der Weltwoche über die Schweizer Erotikbranche gefunden. Er liefert, so weit ich es beurteilen kann, ein realistisches Bild über die derzeitige Lage ohne in die "Sittlichkeitsfalle" zu tappen. Zahlreiche Aspekte werden angesprochen, zb. (politisch-rechtlich verursachte) Probleme von Sexarbeiterinnen, die Auswirkungen der Personenfreizügigkeit, die "Professionalisierung" der Branche oder auch weshalb Männer zu uns kommen. Natürlich kommt der Artikel nicht ganz ohne tendenziöse Anmerkungen aus (es ist immerhin die Weltwoche..), so heisst der Titel "Konsumtempel der Triebe" und auch auf das unsägliche, irreführende "Körper verkaufen" wurde leider nicht verzichtet. Es wäre möglich gewesen, noch mehr auf Missstände hinzuweisen, welche behoben werden könnten, zb. der fehlende rechtliche Schutz für Sexarbeiter/innen gegen Zechpreller und Betrüger. Trotzdem, ein grosses Lob von meiner Seite für diesen sehr gut recherchierten Artikel.

Donnerstag, 14. März 2013

Cicero-Dossier zur Prostitution

Das aktuelle Cicero-Dossier zu "Mythos und Wahrheit der Prostitution" versucht den Anschein einer ausgewogenen Berichterstattung zu erwecken. Ja, Volker Beck wird interviewt und ein Artikel heisst treffend "Wir setzen männliche Sexualität mit Gewalt gleich". Auf der anderen Seite spürt man förmlich den Widerstand des Interviewers bei den Antworten von Herrn Beck, während im Artikel "Ware Frau abschaffen", "Der Staat lässt Opfer im Stich" und "Wie die glückliche Hure erfunden wurde" (jaja, wir lügen alle..) jeglicher kritische Ton zum abgedruckten verschwindet.

Interessant ist dieser Artikel zu Callboys. Wo sind die entrüsteten Kommentare und schnöden Bemerkungen des Interviewers bzgl "Verharmlosung der Prostitution" hier? Wieso glaubt man homosexuellen Männern eher, dass sie zur lustvollen Sexarbeit fähig sind? Sicher, Frauen können Unlust einfacher verdecken und ich zweifle nicht daran, dass homosexuelle Prostitution öfter von reziproker Lust geprägt ist. Doch wieso wird Frauen grundsätzlich abgesprochen, dass sie Spass daran haben könnten bzw. gesagt das etwas mit ihnen nicht stimmt wenn sie ihn haben? Die Szene der homosexuellen Sexarbeit zeigt (genauso wie ein Grossteil der heterosexuellen), dass die viel hervorgehobenen Probleme in der heterosexuellen Prostitution nicht intrinsisch sind. Nicht Sexarbeit ist an Problemen wie Menschenhandel und Zwang schuld, sondern soziale/rechtliche Missstände mitsamt Sexismus. Sexarbeit an sich bekämpfen zu wollen ist, als würde man den eigenen Körper bekämpfen wenn er krank ist anstatt die Krankheit.

Hier noch eine geniale Kritik zu diesem Dossier von The Happy Whore.

Freitag, 4. Januar 2013

Links

Hier ein Artikel vom Blog Nuttenrepublik, den alle an Prostitutionspolitik interessierten lesen sollten!

und noch ein Artikel, "Gespräch mit einer Hure". Ich glaube, sehr viele Sexworkerinnen finden sich in Noras Aussagen wieder. Mir spricht zumindest der Punkt, dass man die Termine auch geniessen kann ohne Lust auf Sex zu haben und den Partner attraktiv zu finden, aus dem Herzen (auch wenn ich sonst ihre Sichtweise nicht unbedingt teile, so kann ich sie doch gut nachvollziehen). Wer dies nicht verstehen kann: Versucht euch doch mal in die DENKWEISE von anderen Menschen einzufühlen, und nicht bloss euch selbst in der Situation vorstellen. Das ist tatsächliche Empathie. Wenn das nicht klappt, akzeptiert einfach, dass es Menschen gibt die ihr nicht versteht, aber seid nicht so egozentrisch zu glauben, das müsse irgendwie “krank” oder gar unmöglich sein weil es eure Vorstellungskraft übersteigt.